"Ein wortkarger angelsächsischer Mann"

ZEITmagazin: Mr. Chipperfield, Sie sind auf einem Bauernhof in Devon aufgewachsen. Inwieweit hat Sie das später beeinflusst?

David Chipperfield: Meine Kindheit auf dem Bauernhof hat mich entscheidend geprägt, genau wie meine spätere Zeit im Internat. Unser Hof lag abgeschieden, meine Geschwister und ich hatten außerhalb der Schule wenig Kontakt zu Gleichaltrigen. Dadurch war ich als Junge schüchtern und gehemmt und hatte das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Mit 14 kam ich aufs Internat. Obwohl wir unseren Eltern nicht am Rockzipfel hingen, stellte das einen ziemlichen Einschnitt für mich dar. Solche in sich geschlossenen Welten haben ihre eigenen Regeln und können sehr grausam sein. Ich musste also schnell etwas finden, worin ich wirklich gut war und somit von den anderen akzeptiert wurde. Am einfachsten hatten es gute Sportler, vor allem Rugbyspieler. Deshalb wählte ich Laufen, das erfordert kein angeborenes Talent und war den meisten zu anstrengend. Indem ich härter und länger als die anderen trainierte, schaffte ich es tatsächlich, Schul-Champion in allen Strecken über 100 Meter zu werden. So habe ich gelernt, dass man mit viel Einsatz auch viel erreichen kann.

ZEITmagazin: 2009 schlug die Queen Sie zum Ritter.

Chipperfield: Eigentlich hat sie damit meine Verdienste außerhalb Englands gewürdigt. Aber ich habe wirklich einen außergewöhnlichen Weg hinter mir. Meine Mutter gab mir zum 60. Geburtstag im Dezember ein Bild von mir als Siebenjährigem mit meinen Geschwistern. Auf dem Bild sitze ich stolz auf meinem Esel, einem Geburtstagsgeschenk. Ich war geschockt, uns drei als Kinder wiederzusehen. Wir sahen aus wie richtige Landkinder aus einem Roman von Charles Dickens.

ZEITmagazin: Was bedeutet Familie für Sie?

Chipperfield: Als ich 18 Jahre alt war, wanderten meine Eltern nach Australien aus. Das beeinflusst einen natürlich, ich lernte rasch, auf eigenen Füßen zu stehen. Meine Eltern hatten viel für uns geopfert, und meine Kindheit war wirklich schön, aber unser Verhältnis war nie so eng. Vor diesem Hintergrund war es ein immenser Gewinn, durch meine Frau Evelyn die Sicherheit einer Familie kennenzulernen und auch diesen besonderen Zusammenhalt einer jüdischen Familie. Wenn, dann hat mich meine brillante und unglaublich begabte Frau gerettet. Erst durch sie kamen Stabilität und Vertrautheit in mein Leben.

ZEITmagazin: Sie haben ein Haus am Meer in Galicien. Ist das Ihr abgelegener Bauernhof?

Chipperfield: Dort kann ich mich auf die wirklich wichtigen Dinge rückbesinnen. Ich war beruflich so viel unterwegs, dass ich irgendwann darauf bestanden habe, dass die Familie für zwei Wochen im Jahr dort zusammenkommt. Im Laufe der Zeit wurden daraus zwei Monate. Die Nähe und Verbundenheit, die ich mit meinen Kindern lebe, ist eine ganz andere als mit meinen Eltern. Evelyn hat mich auch mit sanftem Druck von der Notwendigkeit, Dinge anzusprechen, überzeugt. Das ist nicht leicht für einen verschlossenen, eher wortkargen angelsächsischen Mann. So kann ich nun mit meinen Kindern auf unserem Boot segeln und alles ausdiskutieren, bis es geklärt ist. In Galicien trage ich auch fast nie Schuhe. Das erinnert mich daran, wie ich früher als kleines Kind barfuß durch die lehmigen, rot glänzenden Furchen eines frisch gepflügten Feldes ging. Diese Momente physischen Empfindens sind die glücklichsten in unserem Leben.

"Als Architekt kann ich nicht sämtliche Entscheidungen alleine treffen"

ZEITmagazin: Spiegeln sich diese glücklichen Momente in Ihrer Arbeit als Architekt wider?

Chipperfield: Ich will als Architekt nicht vorrangig ein Monument erschaffen. Sondern einen Platz, der einen sofort anspricht, an dem man gerne verweilt und sich wohlfühlt. Der einem das Gefühl gibt: Hier und nirgendwo anders möchte ich in diesem Moment sein. Aber das ist schwer zu verkaufen, obwohl wir doch eigentlich alle genau danach auf der Suche sind. Welcher Käufer will schon hören: Das Gebäude wird Ihnen den Eindruck von Ruhe und Zuverlässigkeit vermitteln. Architektur sollte affirmativ sein und die Dinge bestätigen, die wir schätzen. Als Architekt glaubt man daran, dass man mit seinen Bauwerken auch ein klein wenig die Welt verbessert.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Trotz Ihrer ruhigen und zuverlässigen Art müssen Sie sich als Architekt aber auch durchsetzen können.

Chipperfield: Die Arbeit am Neuen Museum in Berlin ist exemplarisch für mein Motto, dass Architektur Kooperation bedeutet. Anfangs erwarteten alle von mir, dass ich alles bestimme. Aber als Architekt kann ich nicht sämtliche Entscheidungen alleine treffen und die anderen niederschreien. Es war wichtig, alle ins Boot zu holen und dafür eine Atmosphäre zu schaffen, in der mein Büro die Probleme nur noch orchestrieren musste. Es macht mich stolz, dass wirklich jeder, der beteiligt war, das Gefühl hat, das ist sein Museum.