Die "Russlandversteher" sind eine Patchworkfamilie. Sie hat sieben Mitglieder, die hier einzeln beschrieben werden.

1. Phantomschmerzpatienten: Das sind die "Augen zu und durch"-Kreml-Versteher, vorweg die "Linken", die noch nicht gemerkt haben, dass die Sowjetunion 1991 aus der Geschichte verschwunden ist. Ihr Leitfaden ist "Die Partei hat immer recht", obwohl die KPdSU seit 1990 nicht mehr existiert.

Einst haben Kommunisten rings um die Welt jeden Kurswechsel des Kreml zuverlässig nachvollzogen – selbst den großen Terror der dreißiger Jahre und den Hitler-Stalin-Pakt, der den Zweiten Weltkrieg auslöste. Heute deklamiert die Vizevorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht: "Eine Putschregierung, der Neofaschisten und Antisemiten angehören, kommt mit dem Segen von Merkel und Steinmeier ins Amt, das Verhältnis zu Russland hat sich dramatisch verschlechtert, in der Region droht ein Bürgerkrieg, die US-Diplomatie reibt sich die Hände."

Wahrscheinlich geht es ihr gar nicht um einen Treueschwur, sondern um einen Rundumschlag gegen die üblichen Verdächtigen: die Koalition, die Amerikaner (ein Altreflex aus kommunistischen Zeiten) und schließlich den Uralt-Feind SPD. Ergo: "Selbst der duldsamste SPD-Wähler" könne "im Kurs der GroKo nicht die Tradition Willy Brandts erkennen".

Früher mussten die West-KPs halsbrecherische Salti schlagen, um zum Beispiel den Hitler-Stalin-Räuberpakt gegen Polen und den Westen dialektisch zu verarbeiten. Heute argumentiert die "Linke" ungewollt humoristisch, wenn sie Russland als Bollwerk gegen Rassismus und Antisemitismus verklärt – ein Land, das den Pogrom erfunden hat und in dem die Zahl der Juden durch Flucht und Auswanderung von drei Millionen auf unter eine halbe gefallen ist.

2. Der Ultra-Realist: Der redet amoralisch und deshalb ziemlich ehrlich. Er bemüht die Landkarte, die Kräfteverhältnisse und Kosten, die Führungslosigkeit des Westens und bilanziert nüchtern: Wir können nichts tun. Das ist "Realo-Appeasement". Nur benutzt heute kaum einer die eiskalte Sprache, wie sie die Athener im Peloponnesischen Krieg gepflegt haben: "Die Starken tun, was sie können, die Schwachen, was sie müssen." Heute kommt das Machtkalkül im Gewande von Einfühlsamkeit und Einsicht daher, etwa so:

3. Der Vernunftphilosoph: Der Spruch "Mit Gewalt lassen sich keine politischen Probleme lösen" ist ein Klassiker des deutschen Diskurses. Der ist manchmal richtig, manchmal falsch. Panzer sind keine guten Demokratielehrer – einerseits. Anderseits hat sich Gewalt als sehr nützlich in Befreiungs- und Verteidigungskriegen erwiesen. Im Fall der Krim wird auch der Friedfertigste erkennen, dass Putin mit wenig Gewalt viel erreicht hat: die Wiedereinverleibung der Krim. Gewalt hat einen prächtigen Profit abgeworfen.

Der Vernunftphilosoph müsste ehrlicherweise fortfahren: Putin hat es sehr wohl geschafft, aber wir wollen oder können unser Problem nicht lösen wie er. Wir haben die Mittel nicht, oder wir fürchten die Konsequenzen. So eisig-realistisch aber läuft der Diskurs nicht, also müssen Hilfsargumente her:

4. Der Verständnisvolle: In dieser Rolle tat sich der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi stellvertretend hervor. "Wenn man nicht beginnt, die andere Seite zu verstehen, kann es nicht zum Frieden kommen", sagte er im Fernsehen. Die Motive des anderen zu verstehen ist gewiss Grundlage aller Verhandlungen. Aber was möge man im Falle Putins "verstehen"? Die Antwort ist einfach: Er wollte die Krim zurückhaben, die Demokratiebewegung der Ukraine einschüchtern, einen Testlauf für weitere Heimholungsaktionen in der Ostukraine absolvieren. Nein, das Verständnis-Argument hat in Wahrheit andere – psychologische – Funktionen. Die Franzosen haben eine Redensart dafür: "Alles verstehen heißt alles verzeihen." So möge der Sprechakt nicht bloß "Verstehen", sondern auch "Verständnis" und Akzeptanz schaffen. Weil man es sich nicht mit den Russen verderben oder gar eine Eskalation heraufbeschwören will, kleidet man harte Interessen in weiche, sensible Worte.