Alain Berset ist kein Polteri. Umso lauter hallen seine Worte, wenn er doch einmal zur Verbalkeule greift. Da fragt ihn ein Genosse im Nationalrat, was er, der welsche Bundesrat, der Innen- und damit Sprachenminister, dazu sage, dass einige Deutschschweizer Kantone ihre Primarschüler lieber in den Englisch- statt in den Französischunterricht schicken würden?

Und Alain Berset donnert: Das gefährde den nationalen Zusammenhalt, die cohésion nationale.

Da ist er wieder: der längst überwunden geglaubte Sprachenstreit.

Hatte man ihn vor einigen Jahren nicht mit einem gut eidgenössischen Kompromiss beigelegt, der da lautet: zwei Fremdsprachen in der Primarschule, davon eine Landessprache?

Das Westschweizer Radio und Fernsehen sieht bereits einen guerre des langues, einen Sprachenkrieg, aufziehen. Bildungsexperten springen für die Primarschüler in die Bresche: Zwei Fremdsprachen zu lernen, das überfordere die Lernschwachen. Altbundesräte von ennet dem Röstigraben nehmen die Deutschschweizer ins Gebet: "Falls wir nicht aufpassen, driften die Sprachregionen noch weiter auseinander." Hiesige Zeitungskommentatoren geben frech zurück und frotzeln über die selbst ernannten "Kohäsionsbeauftragten".

Ach, man möchte dem Herrn Bundesrat und den lieben Kollegen zurufen: Calm down! Calmez-vous! Fläzt euch am nächsten Samstagabend mit euren Liebsten auf euer Sofa und schaltet SRF 1 ein:

The Voice of Switzerland.

Wer den nationalen Zusammenhalt sucht, der wird ihn hier finden. Wer wissen will, wie es die jüngeren Schweizer und ihre zugewanderten Gesangsgenossen mit den eigenen und den fremden Sprachen halten, der wird es hier erfahren.

Auf den ersten Blick ist die große Unterhaltungskiste eine Castingshow wie jede andere. 36 Kandidaten balgen sich in der Bodensee-Arena in Kreuzlingen darum, die Stimme, eben The Voice, der Schweiz zu werden. Gefeiert wird mit viel Brimborium unter gleißenden Scheinwerfern. 10 Millionen Franken kostet die Sause das Schweizer Fernsehen, 9.500 Franken pro Sendeminute. Aufgekratzte Moderatoren unterhalten das Publikum, wohlwollende Coaches – in der Schweiz ist man schließlich nett miteinander – urteilen über die Kandidaten.

Doch der Zuschauer kriegt nicht nur Dramen, Tränen oder kleine Skandale sowie 36 Säusel-, Raspel- oder Engelsstimmen mit dazu. Nein, den Fernsehmachern gelingt mit dieser Show, woran sie jahrelang scheiterten: die moderne Schweiz in all ihren Facetten abzubilden. In der Bodensee-Arena ist das SRF wirklich "bi de Lüt".

Da singt zum Beispiel Carla Quartas, die 27-jährige Architektin aus Porto, die auf der Suche nach Arbeit in einem Büro in Bern landete – eine neue Migrantin: gut ausgebildet und voller Ehrgeiz. Oder Brendon Schoen Johnson, Dübendorfer seit Geburt mit Eltern aus Südafrika. Oder Enrika Derza, die bei The Voice of Albania im Finale stand und nun von ihrem Cousin, der in der Schweiz wohnt, für die hiesige Show angemeldet wurde. (Fachleute würden von einer popkulturellen Kettenmigration sprechen.) Oder Camilla-Athina Moraïtinis aus dem welschen La Chaux-de-Fonds, Charlie Roe aus Melide im Tessin oder die großartige Glory Bosnjak, die zweifache Mutter aus Nyon, die mit ihrer Inbrunst jeden Bühnenpartner an die Wand singt. Sogar einen singenden Banker haben die Showproduzenten aufgetrieben: Maxim Essindi aus – genau – Zürich.

Das Unglaublichste an der Sendung aber ist: Jeder spricht und singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die Tessinerin auf Italienisch, die Romands auf Französisch, die Portugiesin auf Portugiesisch. Cool ist, wer dem anderen in dessen Muttersprache antworten kann. Sprache ist für diese Jungen ein Spiel, sicher keine Frage der Politik. Und damit das Publikum nicht weiterzappt, wenn ihm das allzu Spanisch vorkommt, werden die fremdsprachigen Dialoge untertitelt.

Eigentlich wollte SRG-Direktor Roger de Weck, der oberste Fernseh- und Radiomann, das Land in seiner Vergangenheit einen. Letzten Herbst, mit dem mehrteiligen Heldenepos Die Schweizer. Doch das Unterfangen misslang. Von links dröhnte es: Geschichtsklitterung, wo bleiben die Frauen?! Von rechts hieß es: Was sollen die kritischen, dazwischengeschnittenen Expertenstimmen? Und der Zuschauer langweilte sich, weil die Storys nie ins Rollen kamen.

Was das klamaukige Schulfernsehen im Hauptabendprogramm nicht schaffte, gelingt nun also einer Castingshow: Sie bringt die Schweizer zusammen. Wer das Publikum zur Mehrsprachigkeit erziehen will, der muss es damit unterhalten.

Alain Berset, der Jazzpianist im Bundesrat, hat diese Lektion noch nicht gelernt. Er versucht es bei seinen Politikerkollegen auf die harte Tour. "Falls die Kantone beim Fremdsprachenunterricht keine koordinierte Lösung erreichen", mahnt er sie im Nationalratssaal, "müsste der Bundesrat die Anwendung der in der Verfassung stipulierten subsidiären Bundeskompetenz prüfen." Kurzum: Spuren die Kantone nicht, wird ihnen das Frühfranzösisch per Dekret verordnet.

Dabei ginge es doch viel einfacher: Der Bundesrat müsste den Deutschschweizer Primarschülern nur ein paar Stunden TV-Konsum aufbrummen. Und der Zusammenhalt des Landes wäre gesichert.