DIE ZEIT: Herr Savoia, Sie hatten vorausgesagt, dass die Masseneinwanderungsinitiative im Tessin gegen 70 Prozent holen wird und dass der Zuspruch im ganzen Land höher sein dürfte als erwartet. Wieso sahen Sie es so genau kommen?

Sergio Savoia: Solche Themen werden immer unterschätzt. Die Leute sagen bei den Umfragen nicht die Wahrheit, aus politischer Korrektheit. Ich ahnte nach Gesprächen auf der Straße oder den Reaktionen auf meinem Blog, dass unter dem Radar ein Wille herrscht, etwas zu verändern. Hier im Tessin kennt jeder eine Person, die an ihrer Arbeitsstelle durch einen Grenzgänger ersetzt wurde, weil dieser halb so viel kostet.

ZEIT: Etwas verbindet Sie mit der SVP, auch mit der Lega dei Ticinesi: eine große Skepsis gegenüber dem Polit-Establishment. Wird dieses Misstrauen zu einer treibenden politischen Kraft?

Savoia: Es ist in ganz Europa wichtig geworden, nicht nur in der Schweiz. In einigen Gegenden profitiert die extreme Rechte davon, zum Beispiel in Frankreich. Andernorts ist es nicht nur ein Thema der Rechten, zum Beispiel in Italien mit dem Movimento 5 Stelle. Beppe Grillo hat auf seinem Blog einen schönen Beitrag dazu veröffentlicht. Er schrieb: Wir beschäftigen uns nur noch mit den Minderheiten, doch nicht mehr mit der Mehrheit.

ZEIT: Auch das hört man andernorts von der Rechten.

Savoia: Grillo sagt, wir müssten über die "99 percent" reden. Wenn im Tessin 70 Prozent für die SVP-Initiative stimmen, kann die Elite nicht behaupten, das seien alles Xenophobe. Wir sind in der Schweiz sehr nett zu den Minderheiten, und das ist auch wichtig. Aber hinter den vielen Interessengruppen, die gut Lärm machen können, gibt es unorganisierte Mehrheiten. Auf diese zu hören wird künftig eines der wichtigsten Themen, hier und in ganz Europa.

ZEIT: Dann müssen sich die großen Parteien künftig verstärkt mit der Immigration und den sozialen Sicherheiten beschäftigen.

Savoia: Man muss eine linke Sprache für solche Probleme finden. Wenn ich sage: "Die Schweiz den Schweizern", dann ist das die Sprache der Rechten. Wenn ich sage: "Ich will keine Schweiz, die billige Arbeitskraft importiert, um die hiesigen Löhne zu drücken", dann ist das die Sprache der Linken. Und wenn ich sage: "Ich will eine Schweiz, die es allen hier erlaubt, würdig zu leben", dann muss ich auch das Bewusstsein für Grenzen wecken, für ein Maß. Ich betreibe dabei keine Politik für jene Schweizer, die ihre Herkunft zurückführen bis auf Wilhelm Tell. Ich mache Politik für Menschen, die hier leben und ausgeschlossen sind vom Arbeitsmarkt. Wenn also Firmen hierher kommen, um Steuern zu sparen, und zugleich Arbeitskräfte ins Land bringen, weil diese halb so teuer sind, dann kann man das als Linker nicht akzeptieren.

ZEIT: Man kann aus nationalistischen Gründen oder aus Fremdenangst für so eine Initiative sein. Man kann es, um sich gegen Lohndumping oder Mietpreisdruck zu wehren. Aber kann man es aus grünen Gründen? Der ökologische Fußabdruck bleibt derselbe, ob ein Mensch jetzt in Italien bleibt oder im Tessin eine Stelle annimmt.

Savoia: Aber der Footprint verändert sich, wenn man Millionen Arbeitskräfte herumschiebt, je nachdem, wie es am billigsten wird. Wenn wir aus dem Tessin nach Zürich zur Arbeit müssen, dafür Leute aus der Lombardei ins Tessin strömen; wenn die Slowaken nach Tschechien ziehen und die Tschechen nach Deutschland, dann ziehen am Ende alle herum – aber nicht, weil dies ihre Lebenswahl wäre, sondern weil es sie billiger macht. Für mich ist das keine grüne Wirtschaft. Aber die Grünen können sich ohnehin nicht nur mit Ökologie beschäftigen, mit Tofu, Birkenstock und Solarpanels. Wenn sie in diesem Land mitregieren wollen, müssen sie auch andere Themen aufgreifen. Sozialdumping, Arbeitsplatzverlust oder Preisdruck sind Stoffe für uns.

ZEIT: Sie sehen also einen direkten Konflikt zwischen Personenfreizügigkeit und Ökologie.

Savoia: Wenigstens bei einer regellosen Personenfreizügigkeit. Ich bin nicht gegen die Bewegungsfreiheit der Menschen, aber gegen eine Freizügigkeit ohne Regeln. Wir haben im Tessin 62.000 Grenzgänger, und bei den jetzigen Wachstumsraten werden es bis in zehn Jahren 100.000 sein. Das kann nicht gut gehen. Ökologie ist die Politik der Grenzen.

ZEIT: Man unterscheidet gern zwischen einer weltoffenen, sehr internationalen Schweiz und einer verschlossenen Bergler-Schweiz. Wo steht da das Tessin?

Savoia: Das ist schon für die Schweiz falsch, und für das Tessin stimmt es auch nicht. Der Kanton ist ein Mikrokosmos, der alles bietet. Auf der einen Seite zählt man ihn zu den Alpenkantonen. Aber die Mehrheit lebt in einer sehr dynamischen Wirklichkeit. Das Tessin ist quasi der Vorort eines Ballungsgebietes mit neun Millionen Menschen. Es hat eine sehr hohe Ausländerquote, fast einer von zwei Tessinern besitzt mindestens einen ausländischen Elternteil. Aber nur schon jeder Mensch trägt verschiedene Aspekte in sich, ich kann verschlossen und zugleich offen sein, großzügig und geizig. Für ein Land gilt dasselbe: Ich habe mich zum Beispiel auch gefragt, wieso Obwalden für die SVP-Initiative war; an der Zuwanderung kann es ja nicht gelegen haben. Aber dort spielte vermutlich etwas anderes hinein, nämlich die Sorge um die Souveränität. Das ist in der Urschweiz wohl ein Aspekt.

ZEIT: 1992 lehnte das Volk den EWR-Beitritt genauso knapp ab, und damals waren ebenfalls grüne und radikaldemokratische linke EWR-Gegner das Zünglein an der Waage. Doch die gingen nach der Abstimmung völlig unter. Es war die SVP, welche die Debatte beherrschte. Das wird doch jetzt wieder passieren.

Savoia: Die Gefahr besteht. Aber es wäre noch gefährlicher, das Zuwanderungsthema der SVP zu überlassen. Auch die Linke muss hier etwas zu sagen haben. Die SVP pflegt Urschweiz-Bilder. Ich habe Bilder einer europäischen Schweiz, aber auch einer souveränen Schweiz, und dasselbe soll für Italien oder Deutschland oder Griechenland gelten. Die Europäische Union kann nur als Verbund souveräner Länder funktionieren, nicht durch Abgabe von Souveränität.