Es ist, als wäre nichts passiert an diesem einen Sonntag im Februar. Da will ein Volk dem Boom, mit dem es sich so schwertut, irgendetwas entgegensetzen, auch wenn es damit seinen eigenen Wohlstand gefährdet. Da werden Stimmen laut, die man längst verstummt glaubte, die von den Grenzen des Wachstums sprechen. Sie tönen: Weniger ist mehr, das Wachstum sei keine heilige Kuh mehr. Oder, wie es SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga nüchtern formuliert: "Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedürfnisse in Einklang gebracht werden können."

Und steht da diese Zahl: 2,2 Prozent. Um so viel wird die Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr wachsen. 2015 werden es gar 2,7 Prozent sein. Das prognostiziert die Expertengruppe des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

Eigentlich ist das eine frohe Kunde, viele Länder würden die Schweiz um solche Wachstumsraten beneiden. Denn nicht nur das Bruttoinlandprodukt (BIP) wird zulegen, der Aufschwung erreicht auch den Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote soll von 3,2 Prozent auf 2,8 Prozent sinken.

Aber nach dem 9. Februar stellt sich die Frage: Wollen die Schweizer den angekündigten Aufschwung überhaupt? Oder würden sie nicht lieber das Wachstum drosseln, so wie das eine merkwürdige Allianz aus Grünen, Linken und Nationalkonservativen nun behauptet?

Die Schweizer, das zeigten die vergangenen Wochen, wissen es selber nicht so recht. Sie verhalten sich schizophren.

Verwirrung herrschte bereits am Abstimmungssonntag. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative war ein Akt des ökonomischen Ungehorsams. Weniger ist mehr. Egal ob Ausländer oder Wachstum.

Gleichzeitig aber nahmen die Stimmbürger mit einer knappen Zweidrittelmehrheit die milliardenschwere Fabi-Vorlage an.

Mehr ist mehr?

Sie wollten, dass der Bund jährlich eine zusätzliche Milliarde Franken in die Eisenbahn investiert und in den nächsten zehn Jahren für 6,4 Milliarden neue Tunnel bohrt, Brücken spannt, Bahnhöfe baut und Schienen legt.

Maßhalten forderten die SVP-Initianten im Abstimmungskampf. Davon ist heute kaum mehr etwas zu spüren – am wenigsten unter den Politikern.

Letzte Woche im Ständerat. Frühlingssession. Stundenlang diskutiert die kleine Kammer über einen neuen Straßentunnel durch den Gotthard. Die Debatte wird live vom Schweizer Fernsehen übertragen, und wer reinzappt, der reibt sich die Augen vor Verwunderung. Haben die Schweizer nicht vor zwanzig Jahren die Alpeninitiative angenommen: Wir wollen keinen Ausbau der Transitstraßen durch unser Gebirge?

Auch dieses Volksbegehren war ein Auflehnen gegen ein entfesseltes Wachstum; jenes des Straßenverkehrs. Weniger ist mehr.

Dem Ständerat ist das egal. Er hält nichts von einem günstigeren Auto- und Lastwagenverlad auf die Schiene, für die zweieinhalb Jahre, während denen der alte Straßentunnel saniert wird. Nein, er will für 2,8 Milliarden Franken ein neues Loch durch den Granit und Gneis bohren. Mehr ist mehr.

Haben die Politiker dort oben in Bern die Zeichen der Zeit nicht erkannt? Regieren sie am Volk vorbei, das nicht mehr im selben Tempo fortschreiten will?

Auf der Suche nach einer Antwort wälzt man Studien und Berichte, durchkämmt Statistiken und Tabellen. Zum Beispiel den Mikrozensus Verkehr: Als das Bundesamt für Statistik die Einwohner fragte, ob sie bereit wären, in Spitzenzeiten mehr für ihre ÖV-Billette zu bezahlen, sagten über 70 Prozent Nein. Als man sie fragte, ob sie denn einen höheren Benzinpreis akzeptieren würden, da sagten sie ebenfalls Nein. Dabei würde das Verursacherprinzip die Nachfrage nach Mobilität dämpfen, damit ließen sich die auf Schiene und Straße zurückgelegten Kilometer drosseln. Die Schweizer jedoch wollen nicht auf ihre günstige Mobilität verzichten. Also ärgern sich Ökonomen weiterhin über Steuergelder, die mit der Gießkanne übers Land gegossen werden. Grüne beklagen die Fehlanreize, die billiges Eisenbahn- und Autofahren setzen; und die Umweltbelastungen, die unser unsteter Lebenswandel verursacht.