Bei vielen Menschen", meinte Adorno, "ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen." Selbstverwirklichung hat schon länger keinen guten Ruf. Und wenn ein autobiografisches Buch einer Mittdreißigerin mit dem Titel Wie sollten wir sein? erscheint, könnte man in dieser Hinsicht das Schlimmste befürchten. Andererseits gilt in westlichen Gesellschaften inzwischen die Sorge um sich selbst fast als Bürgerpflicht – ein gut gefüttertes Selbstbewusstsein ist ein Potenzial in der spätkapitalistischen Welt. Diese komisch schizophrene Lage, in der dem Ego höchste öffentliche Wichtigkeit zukommt, während seine Pflege in der privaten Verantwortung des Einzelnen bleiben soll, treibt neurotische Blüten. Was quälen sich nicht die Menschen mit dem beschämenden Gefühl, als des eigenen Glückes Schmied immer kurz vorm Totalversagen zu stehen! Und was wird nicht alles darüber geschrieben! Worauf stets der Tadel folgt, die narzisstischen Probleme der Großstadt-Boheme seien lächerlich angesichts ihrer globalen Irrelevanz.

Vielleicht sollte man aber nicht unterschätzen, dass der partikulare Hang zur Selbstzerfleischung auch das allgemein menschliche Unbehagen in der Kultur beleuchtet. Es geht immer um die Frage, wie der Einzelne mit seinen Bedürfnissen und seiner Abhängigkeit von anderen und deren Bedürfnissen klarkommt. Die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti führt das so gekonnt vor, dass ihr Buch stellvertretend für alle Selbstfindungsprosa gelesen werden könnte. Auf Englisch heißt es denn auch How Should a Person Be?, wobei das Wort "Person" ja schon die Rolle des Einzelnen in seiner Umwelt betrifft. Als Subtraktion vom Ego berechnet, ergibt ihr Nachdenken darüber Folgendes: "Wenn ich meine Träume, das, was ich mir unter meinem ungelebten Potenzial vorstelle, alles, was ich nie gesagt habe und gegenüber anderen Leuten zu empfinden glaube, ohne ihm Ausdruck zu verleihen, all die Regeln, die ich für mich aufgestellt habe und nicht befolge – wenn ich das alles beiseitelasse, erkenne ich, dass ich so wenig wie irgendjemand sonst auf dieser Welt das aufgeblasene Epitheton Ich verdiene."

Hetis Buch wirkt so überzeugend, weil sie nicht versucht, sich durch schlüssige Erzählungen in ein konsistentes Ich zurückzureden. Diese Strategie bleibt der ordinären Selbsthilfeliteratur überlassen. Die Kapitel tragen zwar Überschriften wie Was bedeutet Freiheit? oder Was bedeutet Betrügen?. Aber darunter findet man glücklicherweise keine Antworten. Sondern unsichere Erkenntnisschritte, alltägliche, vorübergehende Epiphanien. Und nur in dieser disparaten Art kann man einen Roman, der das beängstigende Existenz-Wort "sein" im Titel hat und im Untertitel behauptet, "aus dem Leben" zu kommen, überhaupt ertragen.

Die Handlung besteht nur darin, dass Sheila scheitert, als sie ein Theaterstück über Freundschaft zu Ende schreiben soll. Dabei experimentiert sie mit sprachlichen Formen, um ihr Verhältnis zu ihren Freunden, zu Sex, zur Kunst und zum Schreiben selbst (also den Charts der interessanten Dinge) offen auszuprobieren. "Ich habe versucht, auf Schreibweisen zu kommen, die mich Teil der Welt sein lassen und nicht getrennt davon – alleine in einem Zimmer sitzend", sagt Heti dazu in einem Interview. "Also habe ich angefangen, meine Freunde auf Band aufzunehmen und unsere Gespräche abzuschreiben." Aus solchen Dialogen bestehen weite Teile des Buches. Sie lesen sich so wirr und unfokussiert, wie sie realistischerweise nur sein können.

Dennoch entzündet sich ein zentraler Konflikt daran, dass Sheilas beste Freundin Margaux angewidert auf die Konfrontation mit der transkribierten, literarisierten Version ihrer selbst reagiert. Ein ästhetisches Problem wird von da ab als emotionales Problem zwischen den Frauen ausgetragen. Die Frage "Was darf die Kunst?" und die Frage "Wie siehst du mich, warum liebst du mich?" rutschen knirschend aufeinander. Eine Freundschaft steht auf dem Spiel. Solche ernsten Auseinandersetzungen zwischen Freundinnen sind übrigens ein außerordentlich unterrepräsentiertes Thema in der Literaturgeschichte. Über Margaux heißt es auch, "Gespräche über Beziehungen und Männer machten sie ungeduldig". Offenkundig wäre Hetis Buch damit bereit für ein Glanzergebnis im sogenannten Bechdel-Test, der Filme danach bewertet, ob darin erstens mindestens zwei Frauen namentlich vorkommen, die zweitens miteinander sprechen, und zwar drittens über etwas anderes als Männer.

Freundschaften erweisen sich hier überhaupt als die ergiebigste Form, "Teil der Welt" zu sein. Bezeichnend für die durchlässige Membran zwischen Kunst und Leben ist dabei, dass man sich viele Freunde aus dem Roman in die außerliterarische Welt hineingoogeln kann: die Malerin und Performance-Künstlerin Margaux Williamson, den Autor Misha Glouberman oder Sholem Krishtalka, der momentan aus Berlin berückend gezeichnete Affären zwischen Männern mit Hipsterbärten bloggt. Sheila Heti war ihrerseits schon zu sehen als Darstellerin in einem Liebesroman von Leanne Shapton, der die Form eines Auktionskatalogs hat. Während des E-Mail-Projektes We Think Alone der Künstlerin Miranda July konnte man ein paar Wochen lang in ihrer Korrespondenz mitlesen. Es erschließt sich da ein Netzwerk jüngerer nordamerikanischer Künstler, die dem Identitätsstress ihrer Kultur entkommen, indem sie zwischen den Kunstarten, der Fiktion und der Realität dynamisch hin und her spazieren.