DIE ZEIT: Herr Sandgruber, kennen Sie einen Millionär?

Roman Sandgruber: Ich hatte zum Beispiel Kontakt mit Mitgliedern der Familie Manner, die schon 1910 zu den Millionären zählte und sich bis heute ihre Stellung bewahrt hat. Josef Manner habe ich ein paarmal besucht, ein wirklich sehr bescheidener Mann.

ZEIT: Bescheidenheit ist eine neue Zier der Reichen. Früher wurde Vermögen zur Schau gestellt.

Sandgruber: Für den mitteleuropäischen Raum stimmt das. Die Zurückhaltung begann in der Zwischenkriegszeit. Die wohlhabenden Juden hatten die berechtigte Angst, dass ihr Vermögen geraubt wird. Dazu musste man befürchten, dass die öffentliche Hand zugreift. Die Einkommensteuer stieg von fünf Prozent vor dem Ersten Weltkrieg auf 60 Prozent Anfang der 1920er Jahre, und auch die Vermögensteuer wurde kräftig erhöht.

ZEIT: Sie schreiben, dass schon damals Vermögen ins Ausland gebracht wurde, um dem Fiskus zu entgehen. Das ist heute wieder aktuell. Die Debatte wird teils mit einer gewissen Häme geführt, erkennen Sie darin einen Reichenhass?

Sandgruber: Hass nicht, aber die Einkommens- und Vermögensverteilung ist in den vergangenen Jahrzehnten weltweit ungleicher geworden. Das ist auch eine Folge langer Friedenszeiten, in denen Vermögen aufgebaut wird.

ZEIT: Und das führt zu Neid?

Sandgruber: Bei den unteren Schichten, ja. Andererseits kann es bei den Reichen zu Gier führen. Mit Vermögen lassen sich rasch neue, arbeitslose Einkommen und damit neue Vermögen schaffen.

ZEIT: Und die Möglichkeiten dazu sind heute, in digitalen Zeiten, größer denn je?

Sandgruber: Nein, die gab es schon immer, auch vor dem Ersten Weltkrieg. Das interessante Phänomen ist die Einkommensverteilung. Genaue Daten gibt es aus den USA. 1910 bezog dort das oberste Prozent der Bevölkerung ein Viertel aller Einkommen, 1970 waren es nur noch acht Prozent, heute ist es wieder ein Viertel.

ZEIT: In den europäischen Sozialstaaten steht der ungleichen Vermögensverteilung aber eine relativ gleiche Verteilung der Einkommen gegenüber.

Sandgruber: Das wissen wir nicht so genau. Weil die Quellensteuer auf Kapitalerträge anonym abgeführt wird und es keine Vermögensteuer gibt, ist man auf Vermutungen angewiesen. Nach den Erhebungen der Nationalbank entfallen 26 bis 27 Prozent aller Vermögen auf das oberste Prozent, der Arbeiterkammer zufolge fast 37 Prozent.

ZEIT: Sie stellen die Frage, ob sich die Geschichte wegen der zunehmenden Ungleichheit wiederhole. Wollen Sie andeuten, es könnte wieder krachen?

Sandgruber: Nein, vor allem in der EU fehlt die Kriegsbereitschaft, die es 1914 gab. Trotzdem könnten die sozialen Konflikte größer werden – die gab es auch vor dem Ersten Weltkrieg.

ZEIT: Gehört eine gewisse Ungleichheit zum kapitalistischen System nicht einfach dazu?

Sandgruber: Natürlich, und bis zu einem gewissen Grad muss es sie geben, um Anreize zu bieten, sonst funktioniert der Kapitalismus nicht – altruistisch sind nämlich nur die wenigsten. Aber es ist eine Frage der Ausgewogenheit.