Der Chronist war empört: 150 Jahre nach dem Tod des Meisters, den er als "vortrefflichen, hochgestiegenen Geist" rühmte, war dieser vergessen und kaum mehr Verlässliches über ihn zu erfahren. So trug er das wenige Bekannte zusammen und konstruierte einen Lebenslauf. In einer Mixtur aus Tatsachen und Fantasie verband er offensichtlich mehrere Personen mit dem gleichen geläufigen Vornamen. Zusätzlich stiftete er noch Verwirrung, indem er ihm einen Nachnamen zuschrieb, der eine falsche Spur legte.

Dann wurde der Meister ein zweites Mal vergessen. Sein Hauptwerk, das in großartiger Weise Realismus, expressiven Ausdruck und mystische Symbolik zusammenführt, wurde einem anderen zugeschrieben. Nach weiteren Jahren wurde er zum Gegenstand der Wissenschaft. Man versuchte, sein Werk abzugrenzen, entfernte Namenskonkurrenten aus seiner Biografie und fand einen neuen Namen. Die Biografie des unter seinen Zeitgenossen berühmten Mannes war dadurch stimmiger, aber noch lückenhafter geworden. Bei allen Streitereien um Details und Deutungen schien jedoch gesichert zu sein, dass er Beamter gewesen war, betraut mit technischen Aufgaben und Umbauten. Wegen Baumängeln, die er nicht verursacht hatte, wurde er in einen hässlichen Prozess verwickelt, schied aus dem Hofdienst aus und bestritt zwei Jahre lang seinen Unterhalt als Seifenmacher. Doch nach wie vor gesucht als Spezialist für Wasserkunst, wurde er in eine ferne Bischofsstadt berufen, wo er vermutlich an einer immer wieder grassierenden Epidemie starb.

Auch dieser löchrige Lebenslauf blieb nicht unbestritten: Ein akribisch arbeitender Außenseiter identifizierte die schemenhafte Figur mit einem Mann, dessen Geschichte ganz anders verläuft und in eine gefährdete Existenz mündet. Dieser heiratete eine Jüdin, die nach zehn Ehejahren dem Wahnsinn verfiel, bewarb sich immer wieder erfolglos um städtische Ämter, kam nie aus finanziellen Problemen heraus und beschloss seine Existenz als Dienstmann auf dem Lande. Empört wies die Zunft die Alternative zurück. So bleibt es wohl dabei: Als Person ist er nicht recht fassbar; bekannt ist er unter dem einen Namen, ein zweiter könnte sein eigentlicher sein. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 12:

Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) gilt als einer der größten Autoren und Publizisten seiner Zeit. 1929 emigrierte er nach Schweden. Politisch und privat tief deprimiert, nahm er sich dort das Leben. Seine große Liebe und zweite Ehefrau, Mary Gerold-Tucholsky (1898 bis 1987), verwaltete und edierte Werk und Nachlass