Mode will den Menschen dem Alltag entheben und ihrem Träger helfen, sich neu zu erfinden. Berufskleidung ist meist das Gegenteil von Mode. Sie normiert den, der sie trägt, und reduziert ihn auf eine Funktion – ob in der Bank oder auf der Baustelle. Trotzdem zitiert Mode immer wieder mal Berufskleidung – insbesondere Männer orientieren sich modisch gern am Arbeitsleben oder sogar am Arbeiterleben. Etwa indem sie schweres Schuhwerk tragen oder den Look von Minenarbeitern kopieren. Es gibt ihnen Sicherheit. Schließlich gibt es immer einen guten Grund für zweckmäßige, unverwüstliche Kleidung. Und außerdem ist es eine gute Gelegenheit, etwas männlicher, härter, unbändiger zu wirken.

Die beruflichen Anleihen der Frauenmode dagegen kommen aus dem Büro. Der Sekretärinnen-Look mit Schluppenbluse und Bleistiftrock ist bereits seit Längerem populär, jetzt ist der Trend auch bei den Handtaschen angekommen. So präsentierte das Münchner Label Etienne Aigner bei den Schauen der Herbst- und Wintermode in Mailand kürzlich Taschen, die wie kleine Aktenkoffer aussehen. Auch die englische Luxusmarke Mulberry hat ein Modell entworfen, das so eckig und rechtwinklig wie ein Büromöbel ist.

Vermutlich liegt diese neuentdeckte Affinität der Frau zu allem Büromäßigen daran, dass der Bauarbeiter kein weibliches Äquivalent hat. Doch das Entscheidende dieser Entwicklung ist Folgendes: Wenn Frauen sich modisch auf die Arbeitswelt beziehen, entziehen sie sich damit den Bewertungsschemen einer männlich dominierten Welt. Die arbeitende Frau verdient ihr eigenes Geld und ist nicht auf Geschenke ihres Mannes angewiesen. Sie nimmt in ihrem Äußeren bewusst Bezug auf die Arbeitswelt – und nicht auf eine Welt, in der Frauen schmückendes Beiwerk einer Männergesellschaft sind.

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Ist das schön? Natürlich. Denn Schönheit erklärt sich immer aus den Werten einer Gesellschaft. Wenn Motive aus der Arbeitswelt Frauen in ihrer Freizeit inspirieren, ist das ebenso eine Schöpfung von Schönheit wie ein bodenlanges Abendkleid. Außerdem ist man im Büro top gestylt und muss sich zum Feierabend nicht mehr umziehen. Nur die Arbeit selbst ist leider genauso doof wie zuvor.