Meine Mutter konnte fliegen. Zumindest für einen magischen Moment: Als ich noch klein war, hat sie mir erzählt, wie sie einmal in der Schule zu Unrecht bestraft wurde und in der Ecke stehen musste. Sie habe, von ohnmächtiger Wut erfüllt, die Augen geschlossen, den Kopf gegen die Wand gelehnt und gespürt, wie ihre Füße kurz vom Boden abhoben. Die Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Als Kind habe ich dann wie besessen fliegen geübt. Mein sehnlichster Wunsch war, Hexe zu werden.

Der Traum vom Fliegen hat mich durch mein Leben begleitet. Oft bin ich in meinen Albträumen geflogen. Wenn ich in die Enge getrieben wurde, bin ich fliegend entkommen, im letzten Moment. Einmal war ich auf der Flucht vor Gott, er verfolgte mich mitsamt seinen Engeln. Ich trug ein weißes Kittelchen und flog vor ihm davon. Er griff nach mir, ich konnte ihm gerade noch entwischen. Ich bin dann auf einen Schrank geflogen, der in der Nähe unseres Hauses mitten auf der Straße stand. Ich saß auf dem Schrank, Gott stand unten auf der Straße, sah mich an und fragte: "Warum fliegst du immer weg?" Als ich antworten wollte, bin ich aufgewacht.

Bis heute glaube ich, dass es möglich ist, das Gefühl des Fliegens für Momente auch in der Realität zu erleben – beflügelt zu sein, abzuheben, weggetragen zu werden, ein Glücksgefühl zu erleben, das dem Fliegen nahekommt. Wer weiß, vielleicht ist es ja möglich, in so einem Moment tatsächlich vom Boden abzuheben.

Auch meine anderen Lebensträume wurzeln in meiner Kindheit: Da ich Hexe werden wollte, habe ich mir immer gewünscht, zaubern zu können, das tue ich noch heute. Es geht mir nicht darum, die Realität mit einem Fingerschnippen zu verändern. Ich träume von Alltagszauberei, davon, gemeinsam mit anderen für einen zauberhaften Augenblick die Realität zu verschieben, aufzulösen, ihre Regeln außer Kraft zu setzen, im Zusammensein mit einem vertrauten Menschen oder gemeinsam mit dem Publikum. Am Schauspielern hat mich immer vor allem der Zaubertrick fasziniert, mich auf der Bühne oder vor der Kamera in einen anderen Menschen zu verwandeln.

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Seit meiner Kindheit quält mich die Angst vor dem Tod. Diese Angst hat mir immer wieder Albträume beschert. Vor einigen Jahren habe ich dann geträumt, es gebe ein Mittel, das mein Leben ins Unendliche verlängern kann. Den gesamten Traum hindurch habe ich mit mir gerungen, ob ich diese Flüssigkeit schlucken sollte, dann gelangte versehentlich ein Tropfen in meinen Mund. Es war das totale Grauen: Die Vorstellung eines unendlich verlängerten Lebens war so schrecklich, dass ich voller Panik aufgewacht bin. Eigentlich bekloppt, ich habe Angst vor dem Sterben und gleichzeitig vor dem endlosen Leben.

Also träume ich davon, sachte, Stück für Stück aus dem Leben gehen zu können. Mich aufzulösen, immer durchlässiger zu werden und langsam zu verschwinden, bis ich irgendwann nicht mehr da bin. Diese Vorstellung nimmt dem Gedanken an den Tod seinen Schrecken.

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