DIE ZEIT: Die Bevölkerung der Krim hat entschieden, zu Russland gehören zu wollen. Wundert Sie das, als Sozialforscher und als Bürger?

Dmytro Khutkyy: Was soll ich als Wissenschaftler über ein manipuliertes Referendum sagen, das nur eine politisch enge Alternative zur Wahl stellt, ohne die Bürger zu fragen, ob die Krim nicht einfach ein Teil des ukrainischen Staates bleiben soll? Alles hängt von der Frage ab, die Sie stellen! Und wenn Sie mit Unterstützung einer Armee und durch selbst ernannte Autoritäten, ohne unabhängige Berichterstattung wählen lassen, bekommen Sie jedes Ergebnis, das Sie wollen! Kein Wunder, dass die Mehrheit der Krimtataren nicht zur Wahl gegangen ist. Sie war illegitim. Als Bürger stehe ich sprachlos vor der Absurdität, dass ich jetzt mit Papieren eine Grenze überqueren soll, um Freunde auf der Krim zu besuchen.

ZEIT: Sie erforschen als Soziologe, was es in der ukrainischen Bevölkerung bedeutet, ein Ukrainer zu sein: in den Gefühlen und Gedanken, im Handeln. Was heißt es für Sie selbst?

Khutkyy: Staatsbürgerschaft, Nationalität, sprachliche und ethnische Zugehörigkeit sind in der Ukraine vielfältig verschieden gemischt, man findet keine einfachen Muster. Meine eigene Familie ist im ethnischen Sinne ukrainisch, aber manche sprechen muttersprachlich Russisch, so habe ich in der Familie immer beide Sprachen gesprochen und bin wie viele ukrainische Staatsbürger zweisprachig aufgewachsen. Russisch war ja in der Schule Pflichtsprache. Geboren bin ich in der Stadt Tscherkassy im Zentrum der Ukraine, noch zu der Zeit, als das Land sowjetisch war, ich erinnere mich an die roten Flaggen, die Propaganda, die Aufmärsche, und erst als ich zehn war, wurde die Ukraine ein unabhängiger Staat ...

ZEIT: ... als die Sowjetunion sich auflöste, war die Ukraine aber kein Nationalstaat im westlichen Sinne ...

Khutkyy: Das Land ist seit 1991 und besonders durch die Maidan-Proteste mehr und mehr zu der Nation geworden, die es heute ist: Nach Erhebungen des Internationalen Instituts für Soziologie in Kiew spricht sich seit 1991 eine große Mehrheit für die Unabhängigkeit der Ukraine aus. Nach Zahlen der ukrainischen Akademie der Wissenschaften verstehen sich nur sieben Prozent der Bürger als sowjetisch. Die Ukrainer sind Menschen, die sich nicht von korrupten Regierungen unterdrücken lassen wollen. Wir sind kritisch gegenüber Autoritäten, die unsere Rechte einschränken. Wir sind ein Land, das in einem Prozess der demokratischen Selbstfindung zwischen Europa und Russland steckt. International vergleichende Studien sagen, dass wir ähnlich weltliche und rationale Werte haben wie andere europäische Gesellschaften auch.

ZEIT: Prägt dieses ukrainische Nationalgefühl das ganze Land? Was sagen Ihre Forschungen darüber, welche Unterschiede es zwischen Ost und West, Stadt und Land, Jung und Alt, Frauen und Männern gibt?

Khutkyy: Die qualitative Forschung, mit der wir nach der Orangenen Revolution von 2004 durch Interviews in allen Makroregionen des Landes begannen, zeigt eine Vielschichtigkeit, die in der Vereinfachung durch die Medien kaum zu erkennen ist: Politik und Medien haben seit den frühen neunziger Jahren immer stärker daran gearbeitet, klare Unterschiede zwischen einem proeuropäischen Westen und einem prorussischen Osten der Ukraine zu entwickeln. Aber die Unterscheidungen, das hat der Kiewer Soziologe Valeriy Chmelko gezeigt, verlaufen komplizierter. Das Alter etwa spielt eine Rolle: Ältere hängen stärker am russischen Erbe, das sie geprägt hat, und an der Vergangenheit. Jüngere und gebildetere Leute sind offen für die Annäherung an Europa.