Oberst Dmitrij Kosatschenko presst sein Sturmgewehr an die Brust. Wer weiß, ob die Uniformierten da draußen vor dem Fenster friedlich bleiben. "Falls sie schießen, werden wir auch schießen", sagt der Kommandant der 406. Einheit der ukrainischen Marine-Küstenartillerie in Simferopol, der Hauptstadt der Krim. Seit drei Wochen belagerten die Russen den Eingang seiner Kaserne, sagt er. Kosatschenko hat vorsorglich mit Klebeband ein zweites Magazin voller Patronen an seinem Gewehr befestigt.

Er wird es womöglich brauchen. Kosatschenko hat gehört, dass maskierte Bewaffnete einen ukrainischen Truppenstützpunkt überfallen haben sollen. Auf einem nahe gelegenen Stützpunkt soll es am Dienstagabend einen Toten gegeben haben, womöglich sogar zwei, beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, Gerüchte verbreiten sich und schüren Unruhe. "Wenn jemand stirbt, ist das immer ein Schock, auch wenn du die ganze Zeit wusstest, wie gefährlich die Lage ist", sagt Kosatschenko.

Der 44-Jährige sitzt im Besucherraum der Kaserne, wo sich in anderen Zeiten Wehrpflichtige mit ihren Angehörigen treffen. An der Wand hängt eine Landkarte: "Ukraine, mein Vaterland". Aber ist das hier noch die Ukraine? Seit dem Referendum am Sonntag nicht mehr, glaubt eine Mehrheit da draußen vor dem Kasernentor. Die Annexion läuft, aber Oberst Kosatschenko will sich nicht fügen.

Das sei alles illegal, sagt er und blickt hinaus auf die Bewaffneten, die sich mit Schützenpanzern und Mannschaftstransportern vor seinem Stützpunkt aufgebaut haben. Überlaufen zu Russland werde er niemals – auch wenn seine Frau Tatjana Russin ist. Sie und seine 14 Jahre alte Tochter leben mit ihm auf dem Stützpunkt.

Kosatschenko verlangt solche Loyalität nicht von all seinen Soldaten: "Wir zwingen niemanden hierzubleiben." Hundert seiner Männer, die auf der Krim zu Hause sind, seien am Sonntag zur Abstimmung in die Stadt gegangen. Sieben seien nicht wiedergekommen. "Für uns gelten sie damit als aus dem Dienst entlassen. Sie müssen entscheiden, wie es weitergehen soll in ihrem Leben."

Nicht nur die Soldaten von Oberst Kosatschenko treffen nun Lebensentscheidungen. Die Volksabstimmung hat die Bevölkerung der Krim auf eine Weise gespalten, die sich hier vor Kurzem kaum jemand vorstellen konnte. Für viele, die nicht zu Putins Imperium gehören wollen, stellt sich jetzt die Frage: Gehen oder bleiben?

Die Annexion war noch nicht vollzogen, da gab es bereits ein gleichgeschaltetes Parlament. Ein hurrapatriotisches russisches Monopolfernsehen, staatlich natürlich. Eine überlegene, eindeutig russische Armee. Und den Beweis, dass der Westen ohnmächtig ist – soll der doch von Völkerrechtsbruch faseln und Sanktionen verhängen, so ist die Stimmung. Einen Krieg mit Russland werden die USA und die EU wegen der Ukraine nicht riskieren.

Dass die Regierung in Kiew es wagen würde, der Krim den Strom oder das Wasser abzudrehen, ist schwer vorstellbar. Die Opfer wären jene, die sie noch immer als ukrainische Staatsbürger betrachtet.

Im Bewusstsein ihrer Unangreifbarkeit treten die Putin-Begeisterten auf der Krim zunehmend aggressiv auf. In russische Flaggen gehüllt, laufen sie durch die Städte, schreien "Ros-si-ja, Ros-si-ja", Russland, Russland, beklatscht von bulligen Kosaken und Schlägertypen in Flecktarn. Ausländische Fernsehsender haben aus Angst die Flagge der Krim auf ihre Übertragungswagen geklebt.