Es gibt im Fußball mächtige Menschen, deren Macht man gerade daran erkennt, dass sie den Ball nicht berühren. Einer von ihnen ist der Schiedsrichter; er allein kann das Spiel unterbrechen oder einen Darsteller von der Bühne schicken. Ein noch viel mächtigerer Mann ist der Vereinspräsident; er sitzt in der Arena dort, wo früher, im alten Rom, der Kaiser saß und den Gladiatoren zunickte. Er nimmt aufs Spiel keinen Einfluss, aber er betrachtet es, als sei es sein Werk.

Der Präsident hat in seinem Vorleben schon Bedeutendes geleistet, er hat sich bewährt, ein Unternehmen aufgebaut, gern was mit Fleischverarbeitung oder Teppichen, oder er war ein großer Sportler, und das erlaubt ihm nun, in der Sonne zu sitzen und sich beim Betrachten eines Fußballspiels zusehen zu lassen.

Whom are we with?, fragen die Filmproduzenten in Hollywood, wenn sie ein Drehbuch prüfen: Gibt es in der Geschichte eine Figur, der wir gerne folgen? Wenn man diese Frage auf den FC Bayern anwendet, könnte man vermuten: Viele Zuschauer folgen den Spielern, Götze, Robben, Kroos. Die Spieler "erzählen" das Spiel. Insgeheim haben sich aber mehr Menschen mit dem prallen, vorgebeugten Mann auf der Ehrentribüne identifiziert, dem Präsidenten. "Interpassivität" nennt der Wiener Philosoph Robert Pfaller die Neigung vieler Menschen, sich Kochsendungen anzusehen, anstatt selbst zu kochen, sich Pornos anzusehen, anstatt selbst Sex zu haben – Pfaller spricht auch von "delegiertem Genießen". Uli Hoeneß war ein wahrer Held der interpassiven Welt, der stellvertretende Genießer aller Deutschen im Fußball: Er genoss an jedem Stadiontag die Spielzüge seiner Mannschaft, aber eigentlich genoss er sein Lebenswerk, und wir sahen ihm dabei zu. Der Schiedsrichter mag der Regisseur des Stücks gewesen sein, aber Hoeneß war dessen Autor.

Er war zugleich der Feldherr auf der Bühne und der Drahtzieher in der Kulisse. Er hat die Spieler gekauft und die schimmernde Burg gebaut, in deren Innenhof sie nun ihre Gegner überrollten. Er betrieb das Spiel mit unerbittlichem Ehrgeiz. Aber er war auch der Mann, der das Spiel jederzeit unterbrach, wenn eine menschliche Tragödie geschah. Dann trat Hoeneß mit bebender Stimme vor und verkündete, dass der Wettbewerb nun aus sei und neue Regeln in Kraft träten – die der Nachsicht und Menschlichkeit. Er legte fest, wann ein Waffenstillstand begann – und wann er endete.

Er galt als volkstümlicher Präsident. Das mag daran gelegen haben, dass er seine Rührung gern mit allen teilte. Nicht zuletzt war er gerührt von sich selbst – vom Glück des eigenen Aufstiegs aus einfachen Verhältnissen, mehr noch aber vom Anstand, den er dabei vermeintlich gewahrt hatte. Ein Mann, immun gegen Versuchungen – Hoeneß hat es mit Worten, vor allem aber in seiner wachsamen, kampfbereiten Körperhaltung ausgedrückt: dass er nicht zu kaufen und nicht zu blenden sei von der feinen Münchner Gesellschaft.

Es wird von Soziologen behauptet, ältere deutsche Fußballfans hätten Mühe, sich mit den vielen jungen, ausländischen, rastlos wieder nach England oder Russland verschwindenden Spielern der Liga zu identifizieren. Und so blieb den Zuschauern zuletzt als verlässliche Gestalt immer Uli Hoeneß – Impresario, Unternehmer, Zirkusdirektor, Patriarch, Cicerone in einer Person. Jürgen Habermas sagt von der bürgerlichen Gesellschaft, sie beruhe "auf der fiktiven Identität der zum Publikum versammelten Privatleute". Uli Hoeneß hatte ein einmaliges Gespür für dieses Publikum: Er bot sich ihm als Anführer an.

Im sogenannten Sandalenfilm (Historienschinken aus Italien) hält es das Publikum nie mit dem Kaiser, sondern immer mit einem der Gladiatoren in der Arena. In der Allianz Arena hat Hoeneß es geschafft, dass sich viele Zuschauer vor allem mit ihm, dem geheimen Kaiser, identifiziert haben. Immer wieder stürzte er sich von seinem Ehrenplatz hinunter ins Getümmel. Um den Milchbuben auf der Wiese zu zeigen, wie das Spiel wirklich geht.

Indem Hoeneß rotgesichtig hineinsprang in Scharmützel mit einzelnen Personen (Daum) wie mit ganzen Städten (Dortmund), wurde er beim Volk erst glaubwürdig. Zornig verschaffte er sich jenen Kredit, den er brauchte. Was sein Raufverhalten anging, war er eher ein Mann des Eishockeys: Dort verliert derjenige Spieler sein Gesicht, der einer Schlägerei aus dem Weg geht. Wenn nämlich der Gegenspieler seine Handschuhe und seinen Helm von sich schleudert, zeigt er, dass er sich prügeln will – die Schlägerei ist zwingend eröffnet. Der Herausgeforderte hat keine Möglichkeit zu entkommen, er muss selbst Handschuhe und Helm loswerden und die Fäuste fliegen lassen, sonst hat er alles verloren. So endete auch bei Hoeneß oftmals die Diplomatie im puren, existenziellen Imponiergehabe.

Und wer je die schwäbische Festzelt-Stentorstimme gehört hat, mit der Hoeneß quer durch die größten Räume seine Wut einem unbedachten Angreifer entgegenbellte, bis der arme Mann zu Staub zerfiel, der weiß, dass Hoeneß eigentlich ein strategischer Rappelkopf ist – einer, der seine Wut nicht nur genießt, sondern ungeduldig auf Anlässe wartet, sie zu zelebrieren. Er kann in ihr regelrecht baden, er braucht sie, um sich zu reinigen – aber wovon? Aus heutiger Sicht würde man sagen: von Schuldgefühlen, vom Selbstmisstrauen.

Der hochrote, schier infarktgefährdete Mann, der sich rechtschaffen aufregt, wenn ihm etwas "gegen den Strich geht", der Gerechte, der auf Ungerechte wie ein japsender Allergiker reagiert – das war seine beste Rolle. Er wirkte dann so, als habe er sich viel zu lange zügeln müssen, als tobe er zum Wohl der Allgemeinheit. Als sei es der Zorn des Volkes, der aus ihm spreche. In diesen kostbaren Momenten, alle aufgehoben bei YouTube, verlor er am Ende auch das Misstrauen gegen sich selbst. Man versteht jetzt, warum er so gern zornig war. In seinem Zorn glaubte Hoeneß sich selbst am meisten.