Der Prozess gegen Uli Hoeneß ist vorbei, der langjährige Patron des FC Bayern München hat die Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten akzeptiert, das Urteil gegen den prominenten Steuerhinterzieher ist rechtskräftig. So weit die Fakten in diesem spektakulären Verfahren. Viele Fragen allerdings sind weiter offen, und die Fragezeichen werden größer.

Da ist zunächst die Frage der Steuerschuld. Die Verwirrung angesichts ständig steigender Zahlen hat sich inzwischen aufgelöst, immerhin. Die in der Anklageschrift genannten 3,5 Millionen Euro waren die Summe, die Hoeneß nachweisbar zur Last gelegt werden konnte. Diese Summe ergab sich aus Aktiengeschäften und Spekulationsgewinnen aus anderen Anlagen. Dass Hoeneß zusätzlich in großem Umfang mit Devisen gezockt und dabei Gewinne erzielt hatte, war der Staatsanwaltschaft klar. Allerdings konnte lange Zeit niemand beziffern, wie hoch die darauf zu entrichtende Steuerschuld – und damit das gesamte Ausmaß der Steuerhinterziehung – war.

Kurz vor dem Prozess tauchten dann die dafür nötigen Unterlagen auf. Auf dieser Basis wurden im Prozess erste Schätzungen genannt, die die Öffentlichkeit überrascht haben, aber wohl nicht die Beteiligten selbst. Am Ende war von insgesamt 28,5 Millionen Euro die Rede, die genaue Summe müssen die Behörden nun ermitteln. Am Ende dürfte sie inklusive Zinsen noch höher liegen. Die Rätselei in Sachen Steuerschuld ist damit aber nicht vorbei.

Wie die Verteidigung erklärte, hat Uli Hoeneß auf dem geheimen Schweizer Konto nur in zwei der vor Gericht verhandelten Jahre Gewinn gemacht: So erzielte er im Jahr 2003 mit all seinen Spekulationen – also inklusive Devisen, aber nicht alleine mit Devisen – ein Plus von fast 52 Millionen Euro sowie im Jahr 2005 ein Plus von gut 78 Millionen Euro. Dabei handelt es sich um die Gewinne unterm Strich, also grob gesagt alle Gewinne abzüglich aller Verluste. Dies bedeutet, dass die Gewinne allein noch höher lagen, denn wer spekuliert, erwirtschaftet immer wieder einmal Verluste – gerade auch jemand, der wie Hoeneß Tausende Transaktionen tätigte. Steuerlich aber lassen sich Verluste nicht einfach mit Gewinnen verrechnen, insbesondere wenn sie in unterschiedlichen Kategorien angefallen sind. Gegenüber dem Finanzamt reicht es daher nicht, zu sagen, was am Jahresende hängen geblieben ist. Das macht eine Selbstanzeige so kompliziert. Der Fiskus muss prüfen, welche Einzelgewinne erzielt wurden, ob diese steuerpflichtig waren und ob Verluste gegenzurechnen sind.

Im Prozess nun bezog sich die Verteidigung auf diese 130 Millionen Euro Gewinn, als sie die Schätzungen der Gesamtsteuerschuld für sachgerecht und wenig überraschend erklärte. Diese Zahl markiert aber eher den unteren Rand dessen, was für den Fiskus relevant ist. Die Summe aller Gewinne für beide Jahre muss mehr als 130 Millionen Euro betragen. Niemand macht nur Gewinn, niemand kann wohl alle Verluste gegenrechnen.

Hinzu kommt: Was ist mit den anderen Jahren? Selbst wenn für diese jeweils unterm Strich ein Minus zu Buche steht, dürfte Hoeneß nach allem menschlichen Ermessen im Jahresverlauf auch mal Gewinne erzielt haben – die dann ebenfalls steuerpflichtig sein könnten. So gesehen, könnte die Steuerschuld auch ohne Zinsen höher liegen als bei 28,5 Millionen Euro.

Eine fast spannendere Frage: Wie konnte Uli Hoeneß sein Spielgeld so rasant vermehren? Im Börsencrash von 2000 hatte er viel Geld verloren, "es wurde richtig eng", sagte er. Demnach war kaum noch etwas auf dem Konto, als Hoeneß 2001 von seinem Freund Robert Louis-Dreyfus fünf Millionen D-Mark sowie eine Bürgschaft für 15 Millionen D- Mark erhielt. Damit konnte Hoeneß wieder spekulieren, erfolgreich, sodass er die fünf Millionen D-Mark sowie die Bürgschaft bald zurückgeben konnte. Den Höchststand erreichte das Konto 2005, bei gut 155 Millionen Euro. Selbst bei großzügiger Rechnung – einer Steigerung von 10 auf 155 Millionen Euro, von Anfang 2001 bis Ende 2005 – hieße dies aber, dass Hoeneß im Jahresdurchschnitt 73 Prozent Gewinn erzielt hätte, und das über fünf Jahre hinweg. Dies wäre eine geradezu heroische Leistung – selbst im Vergleich mit den besten Anlegern der Finanzwelt.

Eine denkbare Lösung dieses Rätsels: Es gab Zuflüsse im großen Stil. Dann ist die Frage, woher diese kamen. Hoeneß’ Jahreseinkommen, die bekannt wurden, geben, so hoch sie waren, keine Riesensummen her. Bleiben nur private Geldtöpfe, angesammelt in früheren Jahren – oder externe Quellen.

Verneint hat Uli Hoeneß die Frage, ob die Hilfe von Louis-Dreyfus irgendetwas mit dem Einstieg von adidas bei Deutschlands führendem Fußballclub 2001 zu tun hatte. Bis März jenes Jahres stand Louis-Dreyfus an der Spitze des Sportartikelherstellers; erste Gerüchte über einen Einstieg gab es im Mai, verkündet wurde er im September. Herbert Hainer, damals wie heute Chef von adidas, sagte 2013, man habe den Vorgang intern untersucht, alles sei "absolut sauber". Bloß: Adidas ist befangen. Um die Frage verlässlich zu klären, alle Spekulationen zu beenden und weiteren Schäden für die Reputation vorzubeugen, müssten der FC Bayern und die ihm verbundenen Großkonzerne alle Vorgänge von unabhängigen Dritten untersuchen lassen. Den Auftrag müsste wohl der Aufsichtsrat erteilen. Dessen Vorsitzender heißt derzeit: Herbert Hainer.