"Für seine Ausfahrten benutzte der Landgraf eine Kutsche, die von weißen Hirschen gezogen wurde." Das erzählt Wikipedia über Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt (1691 bis 1768). Doch schon der erste Blick auf das Fahrrad namens Ludwig VIII katapultiert den Betrachter aus der barocken Vergangenheit in die minimalistische Zukunft: Die Fahrradkette ist keine, sondern eine Art Gummiband, ein strammer Zahnriemen. So etwas fand man bisher eher unter Motorhauben. Und dann diese Pedale – schlicht, schön und mit einem Belag versehen, der sich wie Sandpapier anfühlt. "Urban Pedal" nennt der Berliner Fahrradhersteller Schindelhauer seine Erfindung. "Wir haben festgestellt, dass die meisten Fahrradpendler Sneakers oder Lederschuhe, teilweise mit Ledersohle, tragen", heißt es im Prospekt. Das Urban Pedal soll die Designerschuhe der Designfreunde schonen, die mit diesem Designerrad unterwegs sind.

Seine Schöpfer bezeichnen Ludwig VIII (die VIII steht für die Achtgangschaltung) als "den perfekten Begleiter für einen Ausflug am Wochenende". Nun ist es aber so, dass das Fahrrad, das mich in den vergangenen zehn Jahren auf Tausenden Kilometern perfekt begleitet hat, das genaue Gegenteil von Ludwig VIII ist: Es hat alles, was Ludwig VIII aus zwingenden Designgründen nicht hat, zum Beispiel Lampen, Gepäckträger, Schutzbleche (die man noch nachrüsten könnte), einen höhenverstellbaren Lenker und Stoßfederungen – all diesen hässlichen Kram, der lange Fahrten angenehm macht.

Und so empfand ich die ersten Meter meines 40-Kilometer-Ausflugs zum Müggelsee als absurde Zumutung. Na gut, das lag auch am Kopfsteinpflaster vor der Haustür: Der Stoß jedes einzelnen Kopfsteins knallte über die prallen Reifen, den Aluminiumrahmen, den steinharten Sattel und meine Wirbelsäule direkt in meinen Schädel. Vor meinem geistigen Auge erschienen – verwackelte – Bilder von schweren Kopftreffern im Boxring. Aber bald war der Asphalt erreicht, die Kopftreffer wurden seltener, und das sportlich harte Fahren fing an Spaß zu machen. Meine Sneakersohlen hafteten fest an den Urban Pedals, und der Zahnriemen zog so lautlos, dass auf dem Radweg am See ausschließlich das Abrollen der Reifen zu hören war. Nach dieser wunderbaren Tour erschien mir meine alte Fahrradlimousine lächerlich barock.

Technische Daten

Rahmen: Aluminium
Reifengröße: 28 Zoll
Gewicht: 10,7 kg
Schaltung: 8-Gang-Nabenschaltung
Bremsen: Felgenbremsen
Sattel: Leder
Basispreis: 1.695 Euro

Jürgen von Rutenberg ist Redakteur des ZEITmagazins