Ganze 529 Todesurteile in einem Prozess, verhängt nach zwei Gerichtssitzungen, die jeweils kaum eine Stunde dauerten. Das ist ein makabrer Weltrekord, erzielt am vergangenen Montag von Said Jussef, Vorsitzendem Richter am Strafgericht in Minia, südlich von Kairo. Und es ist der bislang radikalste Versuch der ägyptischen Justiz, die Bewegung der Muslimbrüder von der politischen Landkarte zu tilgen.

Gegen rund 400 der Angeklagten wurde in absentia verhandelt – sie sind auf der Flucht oder noch mit Kaution auf freiem Fuß. Allen zusammen wird vorgeworfen, bei Protesten gegen den Sturz von Präsident Mohammed Mursi vergangenen Sommer einen Polizisten getötet zu haben.

Minia, das ist eine Hochburg der Islamisten. Auf Mursis Sturz und Verhaftung nach nur einem Jahr im Amt folgten im August 2013 wütende Demonstrationen der Muslimbrüder im ganzen Land. Als Polizei und Militär bei der Räumung von Protestcamps in Kairo Hunderte Demonstranten töteten, griffen Muslimbrüder in verschiedenen Städten koptische Kirchen und Polizeistationen an. Auch in Minia. So viel ist unbestritten. Wie aber über 500 Menschen gleich schwere Schuld am Tod eines Polizisten haben sollen – mit dieser Frage hielt sich das Gericht nicht weiter auf. Die Öffentlichkeit war vom Verfahren ausgeschlossen, Anwälte und Menschenrechtler berichteten von einer Farce. Die aber zeigte zumindest in Minia die gewünschte abschreckende Wirkung: Von der üblichen Meinungshoheit der Muslimbrüder war dort kurz nach dem Urteil nicht mehr viel zu sehen.

Zwar darf man davon ausgehen, dass sämtliche Angeklagten gegen das Urteil Einspruch einlegen und die Todesurteile von der nächsten Instanz wieder aufgehoben werden.

Doch an diesem denkwürdigen Verfahren verblüfft nicht nur die summarische Urteilsverkündung. In den schlimmen – nicht wenige Ägypter sagen heute: guten – alten Zeiten der autoritären Herrschaft von Gamal Abdel Nasser bis Hosni Mubarak wurden für solche Schauprozesse meist spezielle Tribunale oder Militärgerichte eingesetzt. In der zivilen Justiz hingegen entstanden zumindest in den letzten Jahren der Mubarak-Ära Keimzellen der Reform und der Rechtsstaatlichkeit. Davon ist in Ägyptens Justiz heute so gut wie nichts mehr zu spüren.

Die Richter von Minia gehören einem normalen Strafgericht an. Ebenso jene, die vor Kurzem in Alexandria 21 junge Mursi-Anhängerinnen im Alter von 15 bis 22 Jahren wegen einer friedlichen Kundgebung zu einer Strafe von elf Jahren Haft verurteilten – die schließlich nach Protesten auf ein Jahr verkürzt wurde. Seit die Bruderschaft vom Staat zu einer terroristischen Vereinigung erklärt worden ist, riskiert, wer öffentlich Sympathie bekundet, eine drakonische Strafe.

Handelte der Richter auf Anweisung des Militärs? War es einer von vielen Racheakten der Richterschaft gegen die Muslimbrüder, die in ihrer Regierungszeit mehrere Tausend Richter durch islamistische Juristen aus den eigenen Reihen ersetzen wollten? "Oder ist den ägyptischen Behörden die internationale Meinung über das Land inzwischen völlig egal?", fragen die kritischen ägyptischen Blogger und Kommentatoren wie jene Autorin (oder jener Autor), die vorsichtshalber unter dem Pseudonym Helen Williams für die Onlinezeitung Al Monitor schreibt.

Wie so häufig, kann man wohl auf alle drei Fragen mit einem "Ja, aber" antworten. Das Militär hat den Kurs der kompromisslosen Repression der Muslimbrüder zweifellos vorgegeben. Es agiert damit auch ganz im Sinn seines wichtigsten ausländischen Sponsors: Saudi-Arabien, das die Muslimbruderschaft nun ebenfalls zur terroristischen Vereinigung erklärt hat und sich momentan in einem heftigen innerarabischen Machtkampf mit Katar, dem wichtigsten Finanzier der Islamisten, befindet. Gleichzeitig dürften viele Richter selbst für den Geschmack von Militär und Übergangsregierung übers Ziel hinausschießen – auch weil sie Protest provozieren. Nach dem Urteilsspruch von Minia kursierte in den sozialen Medien nicht nur Beifall, sondern auch empörte Vergleiche Ägyptens mit Nordkorea.