Der Schrecken war groß vor ein paar Wochen. Da hatten Halbstarke im Innenraum der Porta Nigra gezündelt und einen kleinen Brand entfacht. Ernsten Schaden nahm das Bauwerk aus massivem Sandstein nicht, die Erleichterung war umso größer. Denn das monumentale antike Stadttor – lange schon Teil des Unesco-Welterbes – ist seit Jahrhunderten Triers Wahrzeichen und steht eindrucksvoll für die römische Stadtkultur.

Trier an der Mosel, ganz im Westen der Republik, kämpft heute um seinen ICE-Anschluss. Vor zwei Jahrtausenden indes, in der römischen Kaiserzeit, war Augusta Treverorum, die "Stadt des Augustus im Land der Treverer", eine der wichtigsten Metropolen nördlich der Alpen, in der Spätantike sogar Kaiserresidenz. Im späten 3. Jahrhundert bevölkerten zwischen 80.000 und 100.000 Menschen die Moselstadt (das heutige Trier ist kaum größer), eine für antike Verhältnisse riesige Zahl. Die Fläche der Stadt betrug gut 280 Hektar, rund das Dreifache des römischen Köln.

Noch heute erinnern neben der Porta Nigra etliche weitere gewaltige Monumente an die einstige Bedeutung: Die Barbarathermen in unmittelbarer Nähe zur Mosel gelten, nach den Caracallathermen in Rom, als größte Thermenanlage des Imperium Romanum. Einen Superlativ stellt auch die Konstantinbasilika dar, einst Thronsaal im Palast Konstantins des Großen, der zehn Jahre lang von Trier aus den Westteil des Reiches regierte. Die Liste ließe sich fortsetzen. Ob Amphitheater, steinerne Moselbrücke oder Thermen: In Trier führen so ziemlich alle Wege nach Rom.

Goldschatz unter dem Parkhaus

Für Marcus Reuter, den Direktor des dortigen Rheinischen Landesmuseums, ist die schiere Menge des Materials die größte Herausforderung. Fast wöchentlich erhält das Haus neue Kostbarkeiten. Vieles davon sind Alltagsgegenstände, dann wieder gelingen den Archäologen spektakuläre Funde. Weltweite Aufmerksamkeit erfuhr ein Goldschatz, der 1993 beim Bau eines Parkhauses entdeckt wurde. Er besteht aus zweieinhalbtausend zum Teil einzigartigen Goldmünzen aus der Zeit zwischen Nero und Septimius Severus. Das Angebot eines Schweizer Sammlers, dem Museum 100.000 Franken für eine bestimmte Münze des Fundes zu zahlen, vermag einen Eindruck seines Gesamtwertes zu vermitteln. Der Schatz ist fast vollständig im Landesmuseum zu sehen: als 18 Kilogramm schwerer Goldhaufen.

Die Dimensionen des römischen Erbes in Trier sind einzigartig – nicht nur für Deutschland. In mancherlei Hinsicht wird die Moselstadt nur von Rom selbst übertroffen. Dabei kann lediglich ein Prozent der in den Depots schlummernden Stücke gezeigt werden. Allein rund tausend oft meterhohe Grabdenkmäler beherbergt das Haus. Riesige Mosaikfußböden stehen hochkant einsortiert wie Schallplatten im Magazin, viele der über 1.300 frühchristlichen Inschriften harren noch der wissenschaftlichen Bearbeitung.

Bereits die ständige Ausstellung ist beeindruckend. Insbesondere die Grabbauten sind von enormer Qualität. In fein gearbeiteten Reliefs geben sie Szenen aus dem Leben der Verstorbenen wieder. Die Abbildungen demonstrieren Wohlstand und Wirtschaftskraft. Dazu gehört das berühmte Neumagener Weinschiff, das ebenfalls ein Grabdenkmal verzierte, dazu gehören Szenen aus dem Tuchhandel, einem der entscheidenden Wirtschaftszweige im römischen Trier.

Comic-Strip auf Steinrelief

Doch die Monumente schildern auch private Interessen, sie sind ein unerschöpflicher Fundus für die Rekonstruktion des Alltags. Die Künstler bewiesen viel Witz. Auf einem Relief sehen wir einen Hund mit wedelndem Schwanz: Die Bewegung ist raffiniert gestaltet – wie in einem Comic. Sehr modern mutet die Vorliebe für Wagenrennen an, die auf vielen Grabmonumenten, Medaillons und Mosaiken verewigt ist. In Trier befand sich seit dem 2. Jahrhundert ein großer Circus. Die Helden der Rennbahn, der Wagenlenker Polydus zum Beispiel, der hier mit seinem Gespann auf einem gut 25 Quadratmeter großen Mosaik posiert, waren ein heißes Thema unter den Tempo-Begeisterten jener Zeit.

Jetzt erweitert das Museum gleichsam seine Dauerausstellung und lädt zu einer Sonderschau über das römische Stadtleben im Südwesten des heutigen Deutschlands: Ein Traum von Rom. Der Titel spielt auf das große Vorbild an, das im Administrativen und Ökonomischen wie im Privaten sämtliche Städte des Imperium Romanum prägte. So sehen wir gleich im Entree ein Monumentalmodell des Kolosseums: das Beispiel für Roms Repräsentativarchitektur, der man überall nacheiferte, in jedem Gemeinwesen, das im römischen Sinne Stadtrecht besaß.

Thermen, öffentliche Plätze, Verwaltungsgebäude, Theater und Tempel dominierten das Erscheinungsbild. Für einen ersten Überblick breitet die Schau großflächige Grundrisse aus von Orten und Städten mit ganz unterschiedlicher Funktion und Größe, wie Ladenburg und Rottweil. Dazu wird – einige Räume weiter – mithilfe einer spektakulären Animation der Hochschule Anhalt aus Dessau gezeigt, wie römische Stadtgestalt und Infrastruktur über die Alpen nach Deutschland gelangten.

Porträts mit kleinen Macken

Anschließend taucht der Besucher geradezu ein in das Gewimmel von Augusta Treverorum und mischt sich unter die Bewohner. Ein ausgesprochen prominenter Zeitgenosse wird gleich zu Beginn vorgestellt: Titus Varius Clemens residierte in der Mitte des 2. Jahrhunderts als oberster Finanzbeamter der beiden germanischen Provinzen sowie von Gallia Belgica in Trier, bevor er zum engsten Mitarbeiter Kaiser Mark Aurels und zum Vorsteher von dessen Kanzlei in Rom avancierte. Im nächsten Raum vermitteln zahlreiche Porträtköpfe einen im wahrsten Sinne des Wortes plastischen Eindruck von den Menschen im römischen Trier. Offenbar schätzte die reiche Oberschicht realistische Kunst. Gesichtszüge, Frisuren – alles erscheint überaus individuell, auch eine Hasenscharte wurde nicht retuschiert.

Einen Höhepunkt der Schau bildet eine großartig gestaltete Ladenzeile der Zeit. Trier gehörte zu den Zentren der Tuchindustrie. Die Stoffe aus dem Norden waren selbst in Rom gefragt und fanden im gesamten Imperium Verbreitung. Als weitere Exportschlager galten Moselwein und – passend dazu – Keramikgeschirr, das mit mehr oder weniger animierenden Trinksprüchlein reizt. Reple ("Fülle noch einmal") lesen wir da, und Mitte merum: "Gib mir Unvermischten" beziehungsweise "Schenk mir reinen Wein ein".