Seit Jahrzehnten nörgeln und mosern sie nur rum, die Briten. Da tut man in Brüssel, was man kann, um der historischen Außenseiterrolle der Insel gerecht zu werden. Extra für sie gibt es den Britenrabatt. Von den rund 17 Milliarden Pfund (20 Milliarden Euro), mit denen Großbritannien sich am EU-Haushalt beteiligt, überweist Brüssel jedes Jahr gut 3 Milliarden Pfund (4 Milliarden Euro) zurück nach London. Und da diskutieren sie tatsächlich ganz ernsthaft darüber, aus der EU auszutreten? Was wollen die denn noch?

In Brüssel und Berlin, in Wien und in Warschau, eigentlich überall in Europa, wird mindestens halb laut überlegt, wie lange man das Spektakel noch mitansehen muss. Der Geduldsfaden reißt. "Nun, Reisende soll man nicht aufhalten", erklärte ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes seinen britischen Gegenspielern jüngst ganz undiplomatisch. Das ist verständlich, klingt doch das, was von der britischen Debatte über den Kanal schwappt, erhitzt, bisweilen sogar hysterisch. Aber sollten wir sie wirklich ziehen lassen? Könnte Europa sich ein Problem vom Hals schaffen, wenn wir zu den Briten sagen: "Dann geht doch"?

Nein! Besser ist, man hört genauer hin. Denn in der Kakofonie der britischen Europadiskussion gibt es nicht nur schrille Töne. In den unteren Lagen erklingen Beiträge, denen Europa dringend Gehör schenken muss. Sie kommen von einer Gruppe von Parlamentariern aus beiden Häusern und verschiedenen Parteien, die sich zusammengeschlossen haben, weil sie sich konstruktiv einmischen wollen. Gemeinsam mit dem Thinktank Open Europe erarbeiten sie konkrete Reformvorschläge, die ebenso pragmatisch wie sinnvoll sind. Ein besonders gutes Beispiel: die Vollendung des Binnenmarktes im Dienstleistungsbereich.

Seit seiner Entstehung vor 21 Jahren wird in Brüssel darüber geredet, die Prinzipien des Binnenmarktes auch auf den Servicesektor auszudehnen. 2006 trat eine EU-Dienstleistungsrichtlinie in Kraft, die aber politisch stark verdünnt worden war und nur halbherzig umgesetzt wurde. Bei der letzten Überprüfung waren in den Mitgliedsländern immer noch 34.000 Rechtsvorschriften wirksam, die den grenzenlosen Dienstleistungsverkehr behinderten, obwohl sie längst nicht mehr existieren sollten. Was Europa hier an Wachstumschancen verpasst, hat Open Europe vergangenes Jahr in einem Forschungspapier ausgerechnet. Die Lektüre führt unweigerlich zur Empörung.

Die Richtlinie hat zu einer Ausweitung des Handels von Dienstleistungen in Höhe von 101 Milliarden Euro geführt – das entspricht aber lediglich 0,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP) innerhalb der EU. Würde man den guten Gedanken endlich zu Ende denken, "könnte das BIP der EU insgesamt um bis zu 2,3 Prozent (294 Milliarden Euro) gesteigert werden", heißt es in der Studie.

Worauf warten sie da noch, die 27 Regierungschefs? Wie kann es sein, dass sie das Urversprechen ignorieren, mit dem sie bei den Menschen Europas im Wort stehen, nämlich Wachstum und Wohlstand zu schaffen?

Ein wesentlicher Stolperstein ist das sogenannte Ursprungslandprinzip. Was für Fischstäbchen aus Dänemark gilt, nämlich dass sie im gesamten Binnenmarkt verkauft werden können, sobald sie dänischen Rechtsansprüchen genügen, gilt eben nicht für den Skilehrer in Italien. Der darf sein Gewerbe nur mit einem italienischen Wohnsitz anmelden.

Dahinter stecken handfeste Sorgen und Interessen. Lobbygruppen wie das deutsche Handwerk sorgen sich um ihre Qualitätsstandards, und Gewerkschaften fürchten sich vor einem europaweiten Lohndumping. Doch am Ende überzeugt keines dieser Argumente. Schließlich blieben Qualitätsstandards für deutsches Bier und französischen Senf auch bei einem erweiterten Binnenmarkt bestehen, und wer nur ans Lohnniveau denkt, hat nicht begriffen, dass Europa sich diese Debatte angesichts der globalen Arbeitsteilung längst nicht mehr leisten kann.