Halb leere Whiskeyflaschen, aufgetürmte Akten auf einem Sitzungstisch, ein Laufband, Festplatten, Kabelgewirr – wer dieses Chaos sieht, ahnt nicht, dass hier die Frontlinie eines unsichtbaren Krieges verläuft. Sie verläuft gleich hinter Harrods in London, wo WikiLeaks-Gründer Julian Assange seit über einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft ausharrt, argwöhnisch bewacht und umstellt von der britischen Polizei. Diese Front verläuft jetzt allerdings auch im Zürcher Helmhaus. Dort hat die Mediengruppe Bitnik um die Schweizer Künstler Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf für ihre Ausstellung Delivery for Mr. Assange Julian Assanges Arbeitszimmer präzise nachgebaut. Er ist beklemmend, dieser 20 Quadratmeter kleine Raum, ein Gefängnis – aber auch eine Schaltzentrale im Kampf darum, was das Internet sein soll, Freiraum oder Kontrollinstrument. Um ins Herz des digitalen Konflikts hineinzugelangen, haben sich die Bitniks eines recht altmodischen Instruments bedient: eines banalen Pakets. Diese Box ("Grösse 2 – Öko") wurde an Assange adressiert und mit einem GPS-Empfänger und einer Kamera ausgerüstet, die durch ein Loch im Zehnsekundentakt ihre Umgebung fotografierte. Die so ausgerüstete "Postdrohne" wurde am 16. Januar 2013 in einem Postamt im Londoner Stadtteil Hackney aufgegeben. Erfolgreich bei Assange angekommen, kommunizierte dieser mittels beschrifteter Karten mit den Zuschauern und lud die Bitniks flugs zum Abendessen ein. Die Bilder wurden 36 Stunden lang live ins Internet gestreamt, wo die Netzgemeinde gebannt am Bildschirm hing.

Die Ausstellung dokumentiert die Bilder dieses Systemtests. Man sieht verwackelte Poststellen, dunkle Verteilerzentren und ziemlich viel Schwarz, wenn das Paket in einem Postsack verschwindet. "Warum komm ich seit 24 Stunden nicht von diesen verschwommenen Fotos los?", fragte ein Zuschauer frustriert. "Spannender als der Mars Rover", twitterte ein anderer. Denn: Kommunikationswege von innen zu sehen, fasziniert. Genau darin liegt der Unterschied zur E-Mail, das digitale Senden als Vorgang lässt sich plastisch nicht fassen. "Etwas Physisches zu verschicken, kann man verstehen, die Leute können erklären, wie so was funktioniert, aber eine E-Mail? Die Leute wissen ja nicht mal, was ein SMTP-Protokoll ist", beschreibt Smoljo diesen Gegensatz.

Im Vergleich dazu erscheint das gute alte Paket ziemlich antiquiert. Mit ihm verbindet sich aber auch ein veralteter Wert: das Postgeheimnis. Ein solch geschütztes Recht gibt es bei allen anderen Kommunikationsmitteln nicht mehr, das wissen wir spätestens seit Edward Snowdens Enthüllungen über die Machenschaften der NSA. Doch auch das Postgeheimnis musste erst erstritten werden. Dass E-Mails und Skype-Gespräche nicht physisch erfahrbar sind, heißt nicht, dass sie nicht auch denselben Schutz genießen könnten wie ein Paket.

Und diese Box reist weiter um die Welt, das Projekt wächst: Der nächste Empfänger des Pakets wurde von Julian Assange ausgesucht, es war der in Bahrain inhaftierte Menschenrechtsaktivist Nabeel Rajab. Das Paket ging verloren, ein zweiter Versuch soll folgen, hoffentlich endet er nicht auch im Zoll in Dubai. "In der Firewall", sagt Weisskopf und lässt einmal mehr die analoge und die digitale Welt verschwimmen – auch sprachlich. So bekommt das multimediale Projekt neben dem Online-Stream und dem Museum noch einen weiteren Dreh, diesmal handfest: als Buch. Der Journalist Daniel Ryser hat die Geschichte des Pakets und des Besuchs bei Assange als Reportage zusammen mit den Fotos im Echtzeit Verlag veröffentlicht. Mit dem Kauf erwirbt man zwei Ausgaben, eine soll verschenkt werden, damit sich die Geschichte wie ein Computervirus verbreitet.

Ansteckend sind auch die spielerischen Interventionen ernsthaften Inhalts, auf die sich die Mediengruppe Bitnik spezialisiert hat. So verwanzte sie 2007 in Opera Calling das Zürcher Opernhaus, um die hoch subventionierten Arien an zufällig ausgewählte Telefonanschlüsse zu schicken. 2012 kaperte sie in Surveillance Chess (Überwachungsschach) die Bildschirme der Operateure des flächendeckenden Überwachungskameranetzes – um sie zum Schachspiel herauszufordern.

Natürlich seien Snowdens Offenbarungen eine Zäsur, naive Internetkunst wie die Spielerei mit Found Footage von Google Earth sei nicht mehr möglich, das Internet ist ein politischer Raum. "Allerdings wusste man von diesen Abgründen", relativiert Weisskopf. "Nein! Ich bin richtig wütend", unterbricht Smoljo, "dieser Vertrauensbruch kackt mich so an!" Und trotzdem findet Weisskopf, das Internet habe "sein utopisches Potenzial nicht eingebüßt". Man müsse es sich nur erkämpfen.

"Delivery for Mr. Assange" läuft noch bis zum 6. 4. im Helmhaus Zürich und im Netz auf bitnik.org/assange

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