"Wir hatten alles", sagt Alla Stritz. "Eigene Ärzte, eigene Schulen, eigene Friseure – wir hatten einfach alles!" Wie eine Generalin durchmisst die stolze Frau das Gelände, hier in Wünsdorf, Brandenburg, südlich von Berlin. Irgendwann bleibt sie stehen, vor einem Prachtbau alter Zeiten, einem verfallenen Palast. "Das hier", sagt Stritz, 50, beinah andächtig, "das hier war die Kommandozentrale."

Wünsdorf ist ein Symbolort. Hier befand sich das Oberkommando der sowjetischen Truppen in Deutschland, fast 50 Jahre lang, bis 1994. Hier errichtete die Rote Armee einst ein kleines russisches Reich, ein winziges Abbild der UdSSR: Zehntausende Soldaten und ihre Angehörigen führten in Wünsdorf über die Jahrzehnte ein autarkes sowjetisches Leben. Wehrdienstleistende, Berufssoldaten, Offiziere mit ihren Familien. Es gab Theater für sie, Museen, Sportanlagen. Es gab Schlafsäle, Wohnblöcke, Schießplätze. Es gab sogar Direktzüge nach Moskau. Wünsdorf war Russlands Außenposten, mitten in der DDR.

Auch Alla Stritz lebte einst hier, sie war die Frau eines Offiziers. Wenn man heute mit ihr auf diesem Areal steht, vor den verwaisten Bauten, dann wird einem das Wunder erst bewusst: Das Wunder, dass die Russen nicht mehr hier sind. Das Wunder, dass die Rote Armee Wünsdorf einfach so aufgegeben hat, nicht sehr lange nach der Wiedervereinigung, vor genau 20 Jahren. Jenes Russland, das im Jahr 2014 keine 2.000 Kilometer östlich von Wünsdorf militärisch die Krim erobert, gab 1994 seine Kasernen in Deutschland sogar schneller als geplant auf.

Alla Stritz ist heute, wenn man so will, das letzte Relikt der Sowjetarmee, die letzte Russin von Wünsdorf. Sie stammt aus der Stadt St. Petersburg. Ihre Ehe mit dem Sowjet-Offizier zerbrach, er lebt wieder in Russland, aber sie ist noch da. Sie hat einen Deutschen geheiratet, arbeitet als Schneiderin im Nachbarort. Wie früher schon, sagt sie. Mit sechs anderen Frauen und Männern habe sie hier in der Kaserne einst Uniformen für die Generäle genäht, auch für den Oberkommandierenden, Matwej Burlakow.

Und Stritz erlebt jetzt etwas Sonderbares. Nämlich dass Wünsdorf, 20 Jahre nach dem Abzug, wieder zum Sehnsuchtsort einiger Russen wird. Zu einer Art Touristenziel. Unzählige ehemalige Soldaten melden sich inzwischen bei ihr. Sie wollen den Ort ihrer eigenen Vergangenheit besuchen. Sie kommen nach Brandenburg und lassen sich von Alla Stritz neben der alten Lenin-Statue fotografieren, die immer noch auf dem Militärareal steht. Es sind Exsoldaten, aber auch erwachsene Kinder von Offizieren, die die Gegend aus Familienerzählungen kennen. Stritz’ Telefonnummer wird über Soziale Netzwerke in Russland weitergereicht oder direkt von Soldat zu Soldat. Stritz ist eine Art ehrenamtliche Gästeführerin für alte Rotarmisten geworden. Für jene, die nicht anreisen können, macht sie Fotos von den Wohnungen und Arbeitsplätzen. Geld verlangt sie dafür nicht. Die Militärstadt ist ihre Passion geworden. Es seien immer mehr Russen, die jetzt bei ihr anriefen. Mit jedem Jahr, das der Abzug länger zurückliege.

Wer sich mit Alla Stritz unterhält, bekommt eine Vorstellung davon, wie sehr sich Wünsdorf einst darüber freute, dass die Sowjets weggingen – einerseits. Andererseits erfährt man auch, wie froh der Ort heute über jene Russen ist, die ihn wieder besuchen: Denn nach dem Abzug wurde längst nicht alles gut in Wünsdorf.

Die Stadt war immer zweigeteilt. Es gab auch einen zivilen Bereich, in dem normale DDR-Bürger lebten. Hochfliegend waren die Pläne, Mitte der 1990er Jahre, nach dem Abschied der Roten Armee. Eine Beamtenstadt im Grünen sollte aus den zwei ungleichen Teilen Wünsdorfs entstehen. Brandenburgs damaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) träumte von 10.000 Einwohnern, von Tausenden, die in traumhaft sanierte Wohnungen auf dem einstigen Militärcampus einziehen könnten. Doch die Verwandlung gelang nicht. Ein paar Behörden konnte das Land in den Kasernen unterbringen; Privatleute und Firmen renovierten einen kleinen Teil der historischen Wohnblöcke. Aber – Wünsdorf hat heute nur noch 6.000 Bewohner. Viele Gebäude des vormaligen Armeegeländes stehen weiterhin leer.