Als Max Frisch zum letzten Mal öffentlich auftrat und anlässlich seines 75. Geburtstags bei den Solothurner Literaturtagen eine Rede vor Schweizer Schriftstellern hielt, war seine Lebensbilanz bitter. Einzig die Freundschaft wollte er noch gelten lassen. Freilich standen auch Frischs Freundschaften nicht immer unter einem guten Stern. So galten zwar Frisch und Dürrenmatt als die Dioskuren der Schweizer Literatur, doch relativierte Frisch diese Freundschaft ziemlich krass mit seinem Diktum: "In der kleinen Schweiz sind wir zur Freundschaft verurteilt." Zur Freundschaft mit Alfred Andersch war Frisch nicht verurteilt, aber kaum geeignet. Sein und Anderschs Temperament waren zu gegensätzlich, was Frisch aber erst wahrnahm, als es zu spät und er in dem Tessiner Bergdorf Berzona zum Nachbarn des Ehepaars Gisela und Alfred Andersch geworden war. Im gerade veröffentlichten Berliner Journal, in dem Frisch 1973 ein freundlich vernichtendes Fazit dieser gescheiterten Freundschaft zieht, heißt es: "Zwei Freunde sollten nicht Nachbarn in einem Dorf werden."

Getroffen hatten sich die beiden erstmals 1957 im legendären Café Odeon in Zürich, wo Andersch den berühmten Schweizer Schriftsteller zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift Texte und Zeichen gewinnen wollte. Damals dürfte Andersch, der zu den Mitbegründern der Gruppe 47 gehörte und die Nachtstudios einiger deutscher Rundfunkanstalten initiiert hatte, für Frisch kaum mehr als ein umtriebiger Stratege im Literaturbetrieb gewesen sein. Doch spätestens mit dem Auftritt Ingeborg Bachmanns, die Frisch im Jahr darauf kennenlernte, kam etwas Außerliterarisches, etwas Prekäres mit ins Spiel, galt Andersch doch als der eigentliche "Entdecker" Ingeborg Bachmanns, deren erster Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 in der von ihm herausgegebenen Buchreihe studio frankfurt erschienen war. Wer weiß, wie misstrauisch Max Frisch, dieser Weltmeister der Eifersucht, jeden belauerte, der vor ihm Umgang mit Ingeborg Bachmann hatte, wird bei der Lektüre des Briefwechsels Andersch/Frisch auch diesen Aspekt nicht ganz ausblenden.

Gisela und Alfred Andersch waren 1958 endgültig nach Berzona gezogen, wo Max Frisch und Ingeborg Bachmann sie einige Male besucht hatten. Bald träumte auch Ingeborg Bachmann, die damals mit Frisch noch in der Nähe Zürichs wohnte, von einer Immobilie im Tessin, was Frisch in einem Brief an Andersch mit Sarkasmus quittiert: "Ingeborg sieht überall Land (ohne Preis) mit eignem Wein, ein Haus dazu, das die Heinzelmännchen ordnen, und auf Grund der Idee, dass ich als Butler nur insgeheim schreibe, scheint auch mir alles möglich." Bevor der "Butler" dann tatsächlich Hausbesitzer in Berzona wurde, zog er erst einmal nach Rom, wo die Beziehung zu Ingeborg Bachmann immer mehr auf die Katastrophe zusteuerte. Sie endete abrupt, nachdem sich Frisch 1962 in die blutjunge Marianne Oellers verliebt hatte. Mit ihr bezog er 1963 das einstige Atelier von Gisela Andersch in Rom, und mit ihr übernahm er im Mai 1965 auch das frisch renovierte Haus in Berzona, das sich Ingeborg Bachmann gewünscht hatte.

"Jeder Deiner Sätze enthält eine falsche Nachricht"

Nachbarn schreiben sich keine Briefe, aber sie beobachten sich. Im November 1971 kam Frisch auf die abenteuerliche Idee, das, was er bei gegenseitigen Besuchen an Andersch beobachtet und auf ein paar Tagebuchseiten festgehalten hatte, diesem zuzusenden. Andersch sollte, bevor das Tagebuch 1966–1971 in Druck ging, das Porträt, das Frisch dort von ihm gezeichnet hatte, sozusagen absegnen. Doch Andersch reagierte empört und kündigte ihm die Freundschaft. Sein Vorwurf: Frisch habe keine Geschichte ihrer Freundschaft geschrieben, sondern eine "Momentaufnahme" geknipst, auf der er sich nicht wiedererkenne: "Jeder Deiner ach so höflichen Sätze enthält eine falsche Nachricht." Er, Andersch, sei stets "freundlich, freundlich, freundlich" gewesen – und nun teile Frisch der Öffentlichkeit mit, dass er mit ihm nichts zu reden wisse.

In Wahrheit zeigt Frischs Tagebucheintragung, dass er gerade nicht das geistreiche Gespräch mit seinem Nachbarn vermisste, sondern eher etwas wie Savoir-vivre, Lebensart: "Er braucht keinen Zeitvertreib. Wenn man beim Boccia sagt, er sei an der Reihe, so hat man das Gefühl von Zumutung; zwar nimmt er die Kugel, aber ein ernstes Gespräch wäre ihm lieber." Er habe, so Frisch, "etwas Striktes, das Ironie kaum zulässt". Wenn er Andersch schließlich einen "Mann des Maßes" nennt, ist das nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Für Frisch, der seine eigene Getriebenheit gern hinter Bonhomie verbarg, hätte ein bisschen Maßlosigkeit, ein bisschen weniger Kontrolliertheit auf Anderschs Seite den Umgang mit ihm zweifelsohne erfreulicher gemacht.