Im Juli 2013 veröffentlichte der Berliner Gangsta-Rapper Bushido einen Song, der umgehend auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien landete, weil diese ihn als gewaltverherrlichend einstufte. Im September 2013 erhob die Staatsanwaltschaft Berlin zudem Anklage gegen den Künstler: wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Bedrohung. Neben anderen hatte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit Bushido angezeigt – er taucht in dem Musikstück auf und sah sich beleidigt. Im November 2013 beschloss das Amtsgericht Tiergarten indes, kein Hauptverfahren zu eröffnen: Der Text des Liedes sei nicht strafbar. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein. Anfang dieses Monats, am 4. März 2014, bestätigte das Landgericht Berlin jedoch die Vorinstanz. Das Verfahren ist damit abgeschlossen: Bushidos Text bleibt indiziert (weswegen in diesem Artikel nicht aus ihm zitiert werden darf), aber als Kunstwerk ist er straffrei.

So sieht der nüchterne, am Juristischen ausgerichtete Rahmen dieses letztlich Nicht-Falles aus: Bushido freut sich, Staatsanwalt und Bürgermeister knirschen mit den Zähnen, die Kunstfreiheit triumphiert – Akte zu. Tatsächlich hat der Fall eine zweite Ebene. Es ist nämlich unbedingt berichtenswert, auf welche Weise die Staatsanwaltschaft meinte, Bushido Volksverhetzung gegen Schwule nachweisen zu können.

Stress ohne Grund heißt der betreffende Bushido-Song, den er mit einem Sidekick namens Shindy vorträgt, und der sich gegen einen dritten Rapper namens Kay One richtet. Bushido und Shindy mögen Kay One nicht; deswegen fantasieren sie zum Beispiel darüber, wie er gefoltert wird. Die beiden Vortragenden sprechen Kay One direkt an, aber andere Prominente huschen durch die Liedzeilen, Claudia Roth etwa, über deren Tod durch Erschießen schwadroniert wird – oder eben Klaus Wowereit. In einer von der Staatsanwaltschaft inkriminierten Passage kündigt Bushido zum Beispiel in derbsten Worten an, Kay One werde bei einem Besuch Berlins anal penetriert werden, gerade so wie der Regierende Bürgermeister. (Wie gesagt, wir dürfen hier jetzt nicht wörtlich zitieren.)

In einem Vermerk, einer Art Interpretation des Liedtextes, schrieb die Staatsanwaltschaft dazu, diese Aussage bedeute, dass "dem Regierenden Bürgermeister eine bestimmte Sexualpraxis unterstellt wird und (er) dabei den passiven, sich unterordnenden Part übernimmt. Bei dieser Unterstellung steht vor allem die Herabsetzung der Person im Vordergrund, der (sic!) zu einem Sexualobjekt degradiert wird, freiwillig eine demütigende Unterwerfung (Verb fehlt im Original, Anm. d. R.) und an diesem ›unmännlichen Handeln‹ auch noch Spaß hat."

Es gibt weitere Stellen dieser Art. So wird Kay One in dem Song mit dem Peter-Pan-Syndrom in Verbindung gebracht, einem Phänomen aus der Psychologie, das Männer beschreibt, die nicht erwachsen werden wollen. Die Staatsanwaltschaft befand, dieses Syndrom lasse sich "aber auch oberflächlich als Andeutung pädophiler Neigungen verstehen". Und das in einer Liste, in der sie "klischeehafte Symbole homosexuellen Lebens" aufzählt, die in dem Text enthalten seien.

Aperol Spritz, Barbie-Fetisch, Cindy aus Marzahn sind weitere Begriffe, mit denen Bushido und Shindy ihren Kontrahenten Kay One in dem Song definieren. Der Staatsanwaltschaft kamen dabei folgende Assoziationen: "Aperol Spritz – Szenegetränk, klischeehaft überwiegend von Frauen und Homosexuellen konsumiert; Cindy aus Marzahn, Bühnenoutfit vor allem ein pinkfarbener Jogginganzug; Kay One wird also unterstellt, sein Dresscode sei überwiegend rosa, was wiederum ein Homosexuellenklischee ist; Barbie-Fetisch: Die Welt der Spielzeugpuppe ›Barbie‹ ist ebenfalls pink; in diesem Bild werden also die Klischees des mit Puppen spielenden (Vorurteil: also homosexuellen ) Mannes mit dem entsprechenden Farbweltvorurteil verknüpft."

Am aussagekräftigsten, was die Verkrampfungen der Staatsanwaltschaft angeht, ist vielleicht die Archimedes-Passage. Shindy, muss man hier erklären, ist griechischstämmig. In dem Song wird, einigermaßen zusammenhanglos, die Zeile "Grieche so wie Archimedes" gerappt. O-Ton Staatsanwaltschaft: "Die ›griechische‹ Sexualpraktik beschreibt den Analverkehr und wird – auch insofern wiederum ein Klischee – überwiegend von Homosexuellen ausgeübt. Verstärkt wird diese Andeutung durch den Hinweis auf ›Archi-medes‹ (und gerade nicht ›Archimedes‹), da sich durch diese Aussprache phonetisch eine Ähnlichkeit zu ›Arsch‹ ergibt und damit wiederum auf Analverkehr Bezug genommen wird."

Es gibt einen Grund dafür, dass die Staatsanwaltschaft so zu argumentieren versuchte: Volksverhetzung als Straftatbestand verlangt nach einer Bevölkerungsgruppe als "Tatobjekt". Die Ankläger mussten also nachweisen, dass nicht nur Individuen (Wowereit, Roth, Kay One et cetera) beleidigt werden, sondern dass Bushido und Shindy gegen eine ganze Bevölkerungsgruppe hetzen. Homosexuelle boten sich da vermeintlich an.