Unsere Vorstellungen davon, was es bedeutet, ein aufrechter, ehrenhafter Mann zu sein, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Russell Baze, die Figur, die ich in meinem nächsten Film spiele, verkörpert für mich diese männlichen Attribute: Loyalität, Kraft, Prinzipientreue; jemand, der immer versucht, das Richtige zu tun; ein hart arbeitender Mann, der seine Familie liebt, opferbereit und nicht korrumpierbar ist. Das sind zeitlose Qualitäten, die Essenz dessen, was wir an einem Mann bewundern, bis heute.

Meine wichtigsten Rollenvorbilder als Mann stammen aus dem vorigen Jahrhundert: mein Vater und Jimi Hendrix. Mein Vater war ein Mann, der in schwierigen Verhältnissen lebte, wir hatten nie viel Geld, aber er hat sich stets eine innere Freiheit bewahrt. Er war ein Abenteurer im Geiste, ein neugieriger, offener Mensch. Außerdem war er ein großer, kraftvoller Mann, größer als ich; er war sanft und freundlich, aber auch in der Lage, physisch vernichtend aufzutreten, wenn es nötig war. Jemand, der sich immer bemüht hat, für seine Kinder da zu sein, auch wenn es oft nicht einfach für ihn war. Über Jimi Hendrix habe ich gelesen, dass er bei einem Auftritt so wild Gitarre spielte, dass irgendwann seine Finger bluteten, aber er spielte immer weiter. Diese Hingabe imponiert mir. Ich versuche, diese Intensität auch in meiner Arbeit zu erreichen.

Wut und Aggression sind bis heute ein wichtiger Teil von uns. In uns allen lauert ein wütendes, gewaltbereites Monster. Nicht nur in uns Männern – jeder, der eine Beziehung mit einer Frau hat, weiß das. Diese Wut ist essenziell, wir brauchen sie. Allerdings ist es heutzutage wichtiger als noch vor einigen Jahrzehnten, diese Wut zu kanalisieren und nur in Ausnahmefällen herauszulassen, wenn es nötig und unvermeidbar ist. Wenn wir unsere Wut unter Kontrolle halten und kanalisieren, gewinnen wir an Stärke – wer die Kontrolle verliert, schwächt sich.

Auf der anderen Seite sind die Erwartungen an uns Männer, an unsere Rolle vor allem in der Beziehung, komplexer geworden. Doch auch wenn die Ansprüche an uns als Väter und Partner gestiegen sind, bedeutet das einen Gewinn: Wir haben in der modernen Welt zunehmend die Möglichkeit, Erfolg individueller zu definieren und damit unser Selbstbild vielfältiger zu gestalten. Ein Veränderung zum Besseren, die sich hoffentlich durchsetzen wird.

Die wichtigste Herausforderung und Veränderung zum Besseren liegt meiner Meinung nach außerhalb von uns selbst. Was sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, ist nicht so sehr das Männerbild, sondern was es bedeutet, eine Frau zu sein. Nie zuvor standen Frauen so vielfältige Möglichkeiten offen, ihr Leben zu gestalten. Als Vater empfinde ich die Vorstellung als ungeheuer aufregend, dass meine Tochter aus einer Position auf die Welt blicken kann, in der ihr alle Wege offenstehen, in der sie an keine Grenzen stoßen wird, nur weil sie ein Mädchen ist. Ich liebe es, sie zu ermutigen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, ihre Interessen und Leidenschaften zu entdecken und zu entwickeln. Solche willensstarken, klugen und anspruchsvollen Frauen zu lieben, mit ihnen zu leben und uns mit ihnen auseinanderzusetzen, als Partner ebenso wie als Vater, ist meiner Meinung nach die gravierendste, aber auch die wunderbarste Veränderung, die die vergangenen Jahrzehnte für uns Männer gebracht haben.

Meine wilde, eigensinnige und durchsetzungsstarke Tochter macht es mir leicht, ein entspannter Vater zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass sie ihren Weg finden und die Kontrolle über ihr Leben behalten wird. Sollte allerdings jemand versuchen, sie auszunutzen, oder sie schlecht behandeln, würde ich augenblicklich zum altmodischen Klischeevater mutieren, der den Kerl mit der Schrotflinte vom Hof jagt. Manche Männerrollen ändern sich halt nicht.