Sehen wir es einmal ganz rudimentär. Dante ist Pop. Er hat es zwar nicht in die höchste Kategorie der Ikonen geschafft, also kurz nicht in die Riege derer, mit deren Konterfei auf dem T-Shirt man herumläuft. In diesem ganz erlesenen Kreis tummeln sich eher Che Guevara oder Franz Kafka, oder in Frankfurt tut es zum Beispiel Heinz Schenk (ehemals Der blaue Bock). Aber jeder hat irgendwie, und zwar meist lange vor dem Erreichen seiner philologischen Grundfertigkeiten, etwas von Dante gehört. Oder von der Göttlichen Komödie. Oder hat den Dante-Kopf mit dem Lorbeerkranz gesehen und sich gemerkt, so sieht der mit dem Inferno aus. Überhaupt, das Inferno! Wenn Dante, dann das Inferno. Das gibt es sogar als Videospiel.

Halt, nein, war Dante nicht eher der mit der roten Kappe?

Mit Dante selbst verbinde ich zunächst den klassischen Dante-Widerspruch – ich rede hier, wie gesagt, über ganz Rudimentäres: Am 1. Dezember 1983 spielte das RSO Frankfurt Liszts Dante-Sinfonie, und ich las das Programmheft (ich hatte ein Abonnement, wir fuhren von meinem Heimatort mit einem Charterbus ins große Frankfurt am Main). Ich wurde also über das Inferno und das Purgatorium informiert, aber verstand nicht, warum das alles Komödie heißen sollte, ich sah darin einen Widerspruch. Ich beschäftigte mich aber auch nicht weiter damit. Italienisch konnte ich kein Wort.

Von da an war Dante dann irgendwie da. Es gab also diesen ganz wichtigen mittelalterlichen Dichter, der ein sehr wichtiges Buch geschrieben hatte, das über die Jahrhunderte sehr viele Leute inspiriert hat. Wenn ich es aufschlug, kam ich etwa eine Seite weit, verstand nur wenig und musste bloß die beträchtliche Anzahl der weiteren Seiten vor mir sehen, um sofort das Projekt Dante-Lektüre wieder aufzugeben.

Alle lesen, alle lieben Dante, aber wer hat ihn denn je gelesen?

Es erforderte dann tatsächlich eine ziemliche Anstrengung, näher an Dante Alighieri heranzukommen. Aus einem ziemlichen Irrsinn heraus begann ich mit 23 Jahren, Latein und Griechisch zu lernen, und stieg quer in ein Altphilologiestudium ein. So geriet ich erst einmal an Vergil, später las ich Dante, teils in Übersetzung, teils im Original und stets begleitet von einem erheblichen Kommentarapparat, ohne den man philologisch sowieso nicht überleben kann bei einer solchen Lektüre. Heute kann ich meinen Dante genau quantifizieren: Ich habe das Inferno komplett gelesen, die beiden anderen Teile nur an ausgewählten Stellen, ansonsten habe ich noch eine 316 Minuten dauernde Hörproduktion des Bayerischen Rundfunks von 1957 gehört, also eine Streichversion. Und ich habe keine Ahnung, wer um mich herum überhaupt je in diesem so allgemein bekannten Buch gelesen hat. Mich hat das damals ziemliche Mühe gekostet, eine lohnende allerdings. Es war wochenlange Vollzeitarbeit.

Doch pflege ich die Leute nicht nach ihrer Lektürequantität zu fragen. Denn Dante ist ja Pop und sozusagen allgemein da, wenn auch nicht T-Shirt-reif.

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main zeigt jetzt eine Ausstellung, in deren Titel der Name Dante Alighieri nicht erscheint. Sie heißt: Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler . Alle drei Etagen des Museums werden erstmals komplett genutzt, auf jeder Etage haben wir eine der Weltsphären Dantes. Allerdings steht die Göttliche Komödie hier kopf und ruht auf einem Paradies- Sockel, während das Inferno sein Haupt in den Frankfurter Himmel strecken darf. Dreiteilig wird man denn auch empfangen, zu Beginn der Ausstellung steht man vor drei großen Kugelgebilden, eines weiß, eines schwarz, das dritte rot. Bitte zuordnen!

Bevor ich tiefer in die erste Sphäre eindringe, sitze ich mit dem Kurator, Simon Njami, im Museumscafé. Er ist selbst Autor und hat unter anderem den afrikanischen Pavillon auf der Biennale 2007 in Venedig mit entworfen. Njami raucht, redet leise, trinkt Mineralwasser, wir unterhalten uns über unser jeweiliges Dante-Verhältnis. Ich stelle ihm nicht die Frage nach der Lektürequantität. Wir entdecken gleich Gemeinsamkeiten: Das Inferno, der populärste Teil, ist mit Recht der bekannteste, weil so markant. Himmel eher dröge. Ich sage, Dante habe sich da schon eine gewaltige Aufgabe vorgenommen, denn als Schriftsteller wisse er, Njami, so gut wie ich, dass man "Positives" in der Literatur nie affirmativ ausdrücken kann (es führt zur sofortigen Abwendung jedes Lesers), sondern ihm nur durch Aussparung zur Existenz verhelfen kann.