Bevor das hier zu persönlich wird oder von Sex handelt, erst mal ganz theoretisch: Die Frauen haben die Hegemonie übernommen, wann genau, lässt sich nicht sagen, aber dass sie sie nun innehaben, daran kann kein Zweifel bestehen. Hegemonial zu sein in einer Gesellschaft bedeutet nach Antonio Gramsci keineswegs, die ökonomische oder politische Macht zu besitzen, es bedeutet eher, eine Art kulturelles, moralisches Übergewicht zu haben. Untheoretisch gesprochen: Frau ist in, Mann ist out, sie ist moralisch im Haben, er im Soll, ihm gehören schuldbeladene Vergangenheiten, ihr frei schweifende Zukünfte.

Bevor es hier zu persönlich wird und von Sex handelt, müssen wir noch einen zweiten Theoretiker heranziehen, um die neue Lage zwischen Mann und Frau zu verstehen – Carl Schmitt, der sinngemäß sagte: Macht hat, wer Herr (heute also: Herrin) über den Ausnahmezustand ist.

Was bedeutet das konkret? Früher konnte der Mann an die Frau paradoxe Rollenerwartungen richten und sie so unter Druck setzen: Heilige und Hure, Mutter und Geliebte. Heute kann der Mann das natürlich nicht mehr, wohl aber umgekehrt. Die Frau erwartet vom Mann, dass er vollkommen emanzipiert, gleichberechtigt, sensitiv und so weiter ist, diese Erwartung nennt man Feminismus. Gleichzeitig darf die Frau vom Mann verlangen, dass er traditionell ist, wenn sie es denn grad möchte: also Gentleman, Muskelprotz, Hirsch, Rannehmer. Diese Erwartung nennt man Neofeminismus. Das Vertrackte und Carl Schmittsche daran ist, dass die Frau immer, praktisch in jeder Sekunde ihres Zusammenseins mit Männern, entscheiden kann, was gerade dran ist und was auf keinen Fall, sie ist Herrin über den Ausnahmezustand, weil nur sie es ist, die ihn ausrufen kann. (Um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aber auch mir unnötige Leserbriefe zu ersparen: Ich begrüße diesen Umstand vorbehaltlos.)

Diese neue Lage führt bei Männern verständlicherweise zu einer gewissen Rollenverunsicherung. Bei jüngeren Männern, die von Anfang an mit diesem Rollenparadox groß geworden sind, scheint, wenn ich mich so umgucke, die Verunsicherung sogar noch größer zu sein als bei älteren, noch aus chauvinistischeren Zeiten stammenden Männern. Das kommt einem zunächst merkwürdig vor, aber wenn man länger darüber nachdenkt (und wir haben allen Grund, sehr, sehr lange darüber nachzudenken), ist es ganz verständlich.

Und jetzt wird es endlich persönlich und sexuell: Es ist etwas leichter, sich vom geborenen Chauvi oder kleinen Macho zum emanzipierten, emotionalen und sensiblen Mann hochzuzivilisieren, als auf einmal das wilde Tier oder den freien Wilden in sich entdecken zu sollen und den dann nicht mehr vorzufinden. Kurzum: Zivilisation lässt sich lernen, Barbarei eher nicht.

Für Männer, die um 1960 herum geboren wurden, hat das eine überraschende biografische Pointe. Denn die meisten von uns sind in Familien groß geworden, in die allmählich die Emanzipation der Frauen Einzug hielt, in denen die Mütter aufbegehrten und die Väter infrage gestellt wurden. Außerdem waren wir die erste Wohlstandskinder-Generation nach dem Krieg. Folglich waren wir im Durchschnitt viel weicher als unsere von Krieg und Wiederaufbau gestählten Väter, zurückgenommener auch als die 68er, wir waren mit anderen, mit damaligen Worten: keine richtigen Männer.

Doch nun, nach drei, vier weiteren Jahrzehnten Wohlstand, Frieden, Feminisierung und Zivilisierung, stellt sich plötzlich heraus, wir sind nicht nur doch noch Männer geworden, wir sind heute eher so etwas wie: die letzten Männer. (Wenn man mal von den oft etwas anders sozialisierten Migranten absieht.)

In den siebziger Jahren konnte es leicht passieren, dass wir den einen, den Männern alter Art, unseren Lehrern zum Beispiel und den Platzwarten, nicht Manns genug waren, während uns viele Frauen schon ein Zuviel an Mannsein vorwarfen, wir waren also Weder-noch. Heute sind wir plötzlich Sowohl-als-auch.

Und, was soll ich sagen, das ist natürlich zum Lachen irgendwie, es ist aber auch: sehr schön. Gramsci hin oder her.