Mehr als sechzig Jahre lang schlummerte eine Bombe im Garten von Gunthart Dietrich. Wenn er morgens aus dem Schlafzimmerfenster sah, ahnte er nicht, dass im Erdreich vor ihm ein 500 Kilo schwerer Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg lag. Was alles hätte passieren können! Beim Rasenmähen etwa oder beim Spielen mit den Enkelkindern. Daran muss Dietrich häufig denken. Er schüttelt sich kurz.

Die Gefahr, die von unentdeckten Blindgängern ausgeht, wird konkret, wenn man sich dem Grundstück in Oranienburg-Lehnitz bei Berlin nähert. Dort, wo einst Dietrichs beschaulicher Bungalow stand, klafft seit Herbst ein Krater im Boden. Die kontrollierte Sprengung des Blindgängers hat ein sechs Meter tiefes Loch in die Erde gerissen. Vom Haus steht einzig die Küche noch. Der Rest ist ein Trümmerhaufen. Die Explosion hat ein Fenstergitter auf das Nachbargrundstück geschleudert, Holzlatten wie Mikadostäbe durch die Luft gewirbelt, in der ganzen Siedlung zahlreiche Fensterscheiben eingedrückt. Verletzt wurde niemand. Gunthart Dietrich aber ist 68 Jahre nach Kriegsende ausgebombt worden.

In Deutschland herrscht bizarre Sorglosigkeit, wenn es um Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg geht. Die explosive Altlast liegt unter unseren Füßen, sie wird von Jahr zu Jahr gefährlicher, aber niemanden kümmert das. Dabei vergeht keine Woche, ohne dass irgendwo in der Bundesrepublik ein Blindgänger auftaucht. Meist ist es ein Zufallsfund. Und oft ist es pures Glück, dass die Bombe nicht auch anrichtet, wofür sie dereinst gebaut worden ist: Häuser zerstören, Menschen töten.

Nicht einmal Nägel für die Zelte sind erlaubt

Anfang Januar fehlte einem Baggerfahrer in Euskirchen dieses Glück. Er war gerade damit beschäftigt, Bauschutt zu zerkleinern, als der Greifarm seines Gefährts auf einen Blindgänger stieß – und diesen zur Explosion brachte. Deren Wucht tötete den Familienvater auf der Stelle und verletzte mehrere Menschen im Umkreis.

Auch unter dicht besiedelten Großstädten schlummern solche Gefahren. Selbst gut besuchte Volksfeste finden auf Bombenboden statt. Diesen beunruhigenden Verdacht legen Luftbilder aus dem Zweiten Weltkrieg nahe. Und bereits geborgene Blindgänger bestätigen es.

Zum Beispiel auf dem Heiligengeistfeld im Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo dreimal im Jahr der Hamburger Dom Millionen Besucher anlockt. Im Sommer 2012 tauchten dort bei Sondierungsarbeiten zwei Weltkriegsbomben auf. 5.000 Menschen wurden evakuiert, bevor die Blindgänger entschärft werden konnten. Allerdings waren die Bomben gar nicht entdeckt worden, weil man sie Jahrzehnte nach dem Krieg endlich unschädlich machen wollte. Man war auf sie gestoßen, als neue Wasserleitungen verlegt werden sollten.

Die Stadt Hamburg rechnet damit, dass im Boden noch weitere Blindgänger liegen. Deshalb herrsche auf dem Gelände "ein absolutes Grabungsverbot", sagt der Sprecher der zuständigen Finanzbehörde, Daniel Stricker. Das heißt: Schausteller dürfen dort nicht einmal Nägel in den Asphalt rammen, um ein Zelt zu befestigen.

Präventiv wird nach Bomben kaum gesucht

Die Suche nach Blindgängern könne noch Jahre dauern, sagt Stricker. Das klingt nach klaren Prioritäten: Der Dom muss stattfinden. Dreimal im Jahr. Kann man das verantworten, ein Volksfest auf scharfen Bomben? Die Stadt Hamburg kann. "Solange Eingriffe in den Boden unterbleiben, geht von den möglicherweise im Boden befindlichen Kampfmitteln keine Gefährdung aus", sagt Stricker.

Präventiv nach den tödlichen Geschossen gesucht wird in Deutschland selten. Vor Blindgängern verschließt der Staat konsequent die Augen. Nach dem Motto: Was liegt, liegt. Solange es keinen begründeten Verdacht gibt, existiert auch keine Gefahr. Und damit für die Behörden kein Handlungsbedarf. Es ist ein Spiel auf Zeit.

Denn auch unentdeckt bleiben all die Minen, Bomben und Granaten unter deutschen Städten real. Das weiß niemand besser als der Kampfmittelexperte Wolfgang Spyra von der Technischen Universität Cottbus. Er hatte einen europaweit einzigartigen Lehrstuhl für Altlasten inne, bis dieser vor zwei Jahren aufgelöst wurde. "Die Gefahr, die von Blindgängern ausgeht, wird allgemein unterschätzt", sagt er. Es sei außerordentliches Glück, dass bisher nur wenige Menschen verletzt oder getötet worden seien. Womöglich ist das der Hauptgrund, warum die Deutschen sich nicht darum scheren, was unter ihren Füßen liegt.

Langzeitzünder sollten die Moral brechen

Rund 1,4 Millionen Tonnen hochexplosives Material warfen Briten und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg auf das Deutsche Reich ab. Dabei wurden etwa 160 Städte und 850 kleinere Orte aus der Luft angegriffen. Schwerpunkte waren Berlin und Hamburg, Köln und das Ruhrgebiet. Allein auf Hamburg fielen 107.000 großkalibrige Sprengbomben, 300.000 Phosphor- und drei Millionen Brandbomben. 3.000 Blindgänger werden hier noch im Erdreich vermutet.

Warum sie nicht explodiert sind? Je nach Angriffsziel setzten die Alliierten unterschiedliche Abwurfmunition ein. Auf deutsche Städte wurden hauptsächlich Sprengbomben abgeworfen. Wenn sie zündeten, deckte die Druckwelle die Dächer ganzer Häuserblocks ab. In die freigelegten Dachstühle warfen man schließlich Brandbomben ab, und ein tödlicher Feuersturm breitete sich aus.

Besonders perfide aber war die Wirkung von Langzeitzündern.

Ein wenig Zelluloid entscheidet über die Explosion

Der Zünder sollte die Detonation einer Bombe hinauszögern, von wenigen Minuten bis zu mehreren Tagen, wenn die Zivilbevölkerung wieder aus Kellern und Bunkern hervorgekommen war. Ziel war es, mit Explosionen ohne Vorwarnung die Moral der Menschen endgültig zu brechen. Am häufigsten wurden dafür chemische Zeitzünder eingesetzt. Sie bestehen aus einer mit Aceton gefüllten Glasampulle und einem Zelluloidplättchen, das eine gespannte Feder zurückhält. Gedacht war das so: Zerbrach das Glas, begann ein chemischer Zersetzungsprozess, das Aceton zerfraß das Plättchen langsam. Konnte es die Feder nicht mehr halten, schnellte sie mit einem Metallbolzen in Richtung Sprengstoff – die Bombe explodierte.

Blieb aber die Glasampulle intakt oder zersetzte sich das Zelluloidplättchen nicht, wurde aus der Bombe ein Blindgänger. Die Blindgängerquote der hochempfindlichen Langzeitzünder lag bei 15 Prozent. (Weitere Gründe sind etwa Fehler beim Entsichern unmittelbar vor dem Abwurf, ein Aufprall auf weichem Untergrund oder ein Aufprall im falschen Winkel.) Was damals Glück war, ist heute ein Problem.

Hunderttausende scharfe Bomben aus britischer und amerikanischer Produktion vermuten Experten noch im deutschen Untergrund. Jedes Jahr explodieren ein bis zwei Bomben mit Zeitzünder ohne Vorwarnung – zum Beispiel an einem Radweg in München (2011) und auf einer Wiese in Buseck bei Gießen (2013). Je länger die Bomben unter uns liegen, desto gefährlicher werden sie. Sprengstoff rostet nicht. Aber wo sind sie? Und warum birgt und entschärft man sie nicht endlich?

Eine systematische Suche scheitert an den horrenden Kosten, aber auch am Allgemeinen Kriegsfolgengesetz, das eine paradoxe rechtliche Situation schafft. Demnach kommt der Bund einzig für die Beseitigung ehemals reichseigener Munition auf. Das bedeutet: Bei Bombenfunden ist die Nationalität des Sprengkörpers entscheidend. Für – selten gefundene – deutsche Bomben zahlt der Bund, für amerikanische und britische nicht. Deshalb fühlt sich niemand verantwortlich, das ganze Land nach Blindgängern abzusuchen. So sind die Kampfmittelräumer lediglich zuständig für Bergung, Entschärfung und Entsorgung von zufällig gefundenen Blindgängern – nicht aber für eine systematische, vorbeugende Suche. Bombenexperte Wolfgang Spyra schimpft: "Diese Regelung ist grotesk."

Bomben sind Ländersache. Deshalb unterhalten die meisten Länder einen eigenen Kampfmittelräumdienst. Vor drei Jahren versuchte der Bundesrat, die Gesetzeslage zu ändern und den Bund stärker in die Verantwortung zu nehmen. Schwarz-Gelb lehnte den Antrag ab. Begründung: kein Geld. Für Einsätze von Polizei und Feuerwehr kommen in der Regel die Kommunen auf. Für den Rest haftet der Grundeigentümer – etwa für die Schäden durch eine kontrollierte Sprengung, wenn also keine Entschärfung möglich ist und sofern es sich nicht um eine deutsche Bombe handelt. Da ist eine gute Gebäudeversicherung ratsam.

Nach dem Blindgänger blieb nichts vom Zuhause

Für seinen Bungalow in Oranienburg hatte Gunthart Dietrich keine Versicherung abgeschlossen. Bis auf sein Handy, den Fernseher und ein paar Erinnerungen besitzt der 64-jährige Frührentner jetzt nichts mehr. Er steigt den Erdwall des Bombenkraters hinauf und kramt aus einer gelben Mappe alte Fotos hervor. "So sah das hier einmal aus", sagt er. Seine gesamten Ersparnisse hatte er in das Haus gesteckt, hier wollte er alt werden. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Für den Schaden von geschätzt 45.000 Euro will niemand aufkommen. Also hat er dem Land Brandenburg einen Brief geschrieben. Die Antwort fiel nüchtern aus wie ein Steuerbescheid: "Ein rechtlicher Schadensersatzanspruch (...) besteht (...) nicht." Ob das Land ihm "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht", also aus Kulanz, helfen wird, weiß Dietrich bis heute nicht. Wenigstens half sein Nachbar, bei dem ist er seit der Sprengung untergekommen. Immerhin.

Das ist ein Witz. Der Bürger muss Verantwortung übernehmen, die der Staat nicht übernimmt.
Wolfgang Spyra, Kampfmittelexperte

In manchen Städten sind die Bauherren verpflichtet, ihre Grundstücke vorsorglich nach Kampfmitteln abzusuchen, ehe sie nur einen Stein bewegen. Die Kosten hierfür sind hoch und können manche Bauvorhaben ganz gefährden. Deshalb meiden manche Investoren stark bombardierte Flächen und bauen lieber woanders an. "Das ist ein Witz. Der Bürger muss Verantwortung übernehmen, die der Staat nicht übernimmt", sagt Spyra. Die meisten Deutschen wüssten von dieser bizarren Rechtslage nichts. Im Gegenteil: Wenn der Kampfmittelräumdienst anrücke und eine Bombe entschärfe, seien sie äußerst dankbar. "Die Anwohner denken: Alles gut gegangen, der Staat kümmert sich um die Sicherheit seiner Bürger." Auf die Frage, wie lange es beim derzeitigen Tempo dauern werde, bis Deutschland bombenfrei sei, antwortet der Experte: "Generationen ist wohl die richtige Formulierung."

Einer, der für die Sicherheit seiner Landsleute regelmäßig sein Leben riskiert, ist der Sprengmeister Peter Bodes vom Hamburger Kampfmittelräumdienst. Zwischen 400 und 500 Großkaliber hat er schon unschädlich gemacht, genau gezählt hat er sie nicht. Der größte Sprengkörper wog vier Tonnen. Bodes weiß zwar, wie die Bomben ticken, aber auch er weiß nicht, wo. Sein Team ist dauernd in Bereitschaft.

Bodes ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Kampfmittelräumdienste. Dass der Bund sich aus der Verantwortung stiehlt, findet er ebenfalls. Und er versteht nicht, warum. "Nach unserer technischen Auffassung gehen die Bomben mit Langzeitzünder irgendwann alle hoch", sagt er. Deshalb müsse man versuchen, "den Mist endlich aus dem Boden zu holen". Das sei aufwendig, aber möglich.

Keine Transparenz über Bomben

Um nach Jahrzehnten noch festzustellen, wo in Deutschland Blindgänger liegen, bedarf es umfangreicher Recherchen. Stark bombardierte Städte wie Hamburg und Berlin leisten sich dafür sogenannte Abteilungen für Gefahrenerkundung, die mithilfe historischer Luftbilder Fliegerbomben aufzuspüren versuchen. Die Idee dahinter: Je mehr Sprengkörper auf einen Ort niedergingen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Blindgänger zu finden. Experten sind in der Lage, auf diesen Luftbildern Einschlagkrater zu erkennen und dadurch besonders gefährdete Gegenden zu lokalisieren. Zudem ist eine bereits gefundene Bombe ein starkes Indiz dafür, dass noch weitere im Boden schlummern. Schließlich werden alle Verdachtspunkte in eine Karte eingetragen. Ob die ZEIT einen Blick auf die Bombenkarte Berlins werfen dürfe? Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, verneint. Das schüre nur Angst, sagt sie.

Lieber Schweigen als Aufklärung

"Es ist schon wichtig, dass niemand verrückt gemacht wird", sagt Wolfgang Müller von der Luftbilddatenbank Dr. Carls in Estenfeld bei Würzburg, die historische Luftaufnahmen aus britischen und amerikanischen Archiven besorgt und sie an deutsche Behörden weiterverkauft. Verdrängt werden dürfe das Problem allerdings nicht. Etwa die Hälfte aller verfügbaren Aufnahmen seien mittlerweile geborgen, schätzt Müller, zwei Millionen weitere noch nicht. Die Länder seien recht unterschiedlich an der Gefahrenerkundung von oben interessiert. Als vorbildlich bezeichnet Müller Hamburg, das alles, was bekannt sei, aufgekauft habe. Bayern hingegen habe bis heute ein Drittel der verfügbaren Aufnahmen nachgefragt und sei bis zum Jahr 2006 kaum interessiert gewesen.

So haben die bayerischen Behörden beispielsweise eine alliierte Luftaufnahme der bombardierten Münchner Theresienwiese aus dem Jahr 1945 bis heute nicht angefragt, wie Müller berichtet. Die Aufnahme zeigt zahlreiche Einschlagkrater, und unter Kampfmittelräumern gilt die simple Faustregel: Wo Bomben gefallen sind, da könnten auch Blindgänger liegen.

Auf eine mögliche Belastung des Areals angesprochen, verweist das Baureferat der Stadt München auf eine Untersuchung eines privaten Dienstleisters aus den Jahren 1999 und 2000. "Hierbei wurden keine Blindgänger gefunden", heißt es aus dem Referat. Zudem hätten die Fachleute damals "die Freigabe für die Nutzung als Festwiese bestätigt". (Nachfragen zu genauen Details der Untersuchung beantwortete das Amt nicht.)

Pläne der Allierten verraten die Bombengebiete

Penibel haben die Alliierten ihre Bombardierungswellen auf deutsche Städte dokumentiert. Ihre Pläne verzeichnen nicht nur die Angriffsziele der Luftwaffe, sondern auch die sichtbaren Schäden. Allein aus Luftaufnahmen auf mögliche Blindgänger zu schließen ist eine Kunst für sich, das Ergebnis nicht immer eindeutig. Deshalb geben die Angriffspläne des ehemaligen Feindes wertvolle Hinweise auf bisher unentdeckte Bomben.

Der ZEIT liegen historische Pläne der verschiedenen Angriffswellen auf Berlin vor. Sie stammen aus einem amerikanischen Militärarchiv. Legt man die Karten übereinander, ergibt sich ein fast lückenloses Bild vom Ausmaß einer Bombardierung. Arbeiten die deutschen Behörden mit solchen Karten? Wissen sie überhaupt von deren Existenz?

Zu Besuch bei der Senatsverwaltung in Berlin-Spandau. Die Gefahrenerkundung der Hauptstadt unterliegt dem Fachbereich Altlasten und Kampfmittel. Dessen Leiter ist Tobias Hinzmann. Anwesend ist auch Frank Künzling von der Ordnungsbehörde Kampfmittel. Mehr als 10.000 Luftbilder habe man bereits ausgewertet, erzählt Hinzmann. Und dass deren Interpretation eine große Kunst sei. Künzling ergänzt, dass die Detektion von Blindgängern im Berliner Stadtgebiet sehr schwierig sei. Die Angriffspläne der Alliierten aus dem amerikanischen Militärarchiv haben die beiden Männer noch nie gesehen, sagen sie. Ein Versäumnis? Müsste man nicht alle verfügbaren Archivalien sichten, um ernsthaft nach Blindgängern zu suchen?

Der Bund duckt sich ganz klar weg.
Tobias Hinzmann, Leiter der Berliner Gefahrenerkundung

Tobias Hinzmann sagt, man müsse die Rechtsprechung berücksichtigen. Er sagt weiter: "Der Bund duckt sich ganz klar weg." Hinzmann wird in den folgenden Minuten den Begriff "Rechtsprechung" noch fünfmal wiederholen. Und er spricht viel von fehlendem Geld. Der Etat seiner Abteilung liege bei 1,9 Millionen Euro pro Jahr. Prophylaktisch nach Blindgängern zu suchen sei deshalb ein Ding der Unmöglichkeit, so Hinzmann. Schließlich könne in Berlin überall etwas liegen.

Peter Bodes von der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Kampfmittelräumdienste beklagt nicht nur finanzielle Defizite bei der Gefahrenerkundung, sondern auch fachliche. "Um Luftbilder auszuwerten, braucht man nicht nur Geoinformatiker", sagt er. Für die richtige Interpretation sei militärisches Wissen nötig, das man allerdings, so Bodes, häufig nicht antreffe. Im Gespräch zwischen studierten Fernerkundern und kernigen Bombenentschärfern prallen nicht selten Welten aufeinander.

Die Auswertung von Luftbildern und historischen Archivalien ist also der wichtigste Schritt, um Blindgänger systematisch aufzuspüren. Erhärtet sich ein Verdacht, wird die fragliche Stelle mit Metalldetektoren und Magnetometern abgesucht. Das erfordert Fachwissen: Da vor allem in der Nachkriegszeit Löcher im Boden mit Schutt und Schrott zugeschüttet wurden, können die Signale der Detektoren auch mal von alten Kohleöfen herrühren. Je tiefer ein Sprengkörper liegt, desto schwieriger ist er zu ermitteln.

Nur eine Stadt kümmert sich um Blindgänger

Eine einzige Stadt in der ganzen Bundesrepublik versucht seit einigen Jahren, die Gefahr aus dem Boden endgültig zu beseitigen. Es handelt sich um Oranienburg. Auch hier musste erst eine öffentliche Debatte für den nötigen Druck sorgen, aber jetzt wird dort etwas getan. Als Rüstungsstandort war die Kleinstadt nördlich von Berlin Ziel intensiver Angriffe. Vor sechs Jahren hat Altlasten-Professor Wolfgang Spyra ein Gutachten über die Gefahr im Oranienburger Untergrund verfasst: 324 scharfe Bomben sollen aktuell noch im Boden des Stadtgebiets liegen. Nach diesen Blindgängern wird nun systematisch gefahndet, um sie unschädlich zu machen.

Gunthart Dietrich hatte bei dieser vorbildlichen Altlastenbeseitigung großes, doppeltes Pech: weil man auf seinem Grundstück einen Großkaliber fand. Und weil die Bombe sich nicht mehr entschärfen ließ, nur noch sprengen. Die Menschen wollten doch in Sicherheit leben, sagt der ausgebombte Frührentner. Deswegen findet er es trotz des eigenen Schicksals gut, dass man die Blindgänger endlich birgt.

Das allerdings wird von Jahr zu Jahr riskanter.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio