Theaterleute wissen: Man kann Krieg auf der Bühne nicht darstellen. Sie versuchen es aber immer wieder, indem sie Ersatzhandlungen veranstalten. Sie lassen Schlittschuh laufende Mörder in Eishockeyrüstung aufeinander eintrimmen, sie lassen blutbeschmierte Sängerchöre einander anbrüllen, sie lassen Paintball-Gladiatoren Farbgeschosse aufeinander abfeuern. Alles schon mal da gewesen. Immer eine Freude, dabei zuzusehen. Der Einfallsreichtum ist gewaltig, und man ahnt als Zuschauer, dass dies der Spielwitz einer im Frieden aufgewachsenen Generation ist: Keiner, der den Krieg erlebt hat, würde ihn je so darstellen, wie er heute auf der Bühne gespielt wird.

Der Belgier Luk Perceval, Hausregisseur des Hamburger Thalia Theaters, hat nun ein Projekt namens FRONT inszeniert, welches die Peinlichkeit der fröhlichen Kriegsdarstellung in aller Ehrfurcht vermeidet. Er arrangiert den Ersten Weltkrieg, den Grabenkrieg in Flanderns schlammigen Weiten, als eine "Polyphonie" in den Sprachen der beteiligten Länder: Deutsche, flämische, französische und englische Sätze zischen wie verirrte Projektile übers unsichtbare Schlachtfeld hinweg.

Perceval will nicht darstellen, wie Soldaten von Kugeln getroffen werden; ihm geht es um den Moment, da die Kugel sich durch die Luft bewegt und die Menschen auf ihren Einschlag warten: FRONT besteht aus Momenten des Horchens.

In der Filmkunst gibt es für den Zustand, in dem Percevals Figuren leben, einen eigenen Begriff: Bullet Time. Gemeint ist der ewige, sanfte, "gefrorene" Flug einer Kugel, die vom Kamerablick in Ruhe umkreist wird: Bullet Time, das ist die angehaltene, zum Zerreißen gedehnte Hundertstelsekunde vor der Katastrophe.

Elf Spieler, neun Männer und zwei Frauen, sitzen an der Bühnenrampe auf Bierkästen, die Frauen tragen lange Kleider, die Männer dunkle Anzüge und weiße Hemden, aber keine Krawatten. Sie sprechen Texte, die aus dem Antikriegsroman Im Westen nichts Neues (1929) des deutschen Schriftstellers Erich Maria Remarque und aus dem Kriegstagebuch Le Feu (Das Feuer, 1916) des französischen Schriftstellers Henri Barbusse stammen. Außerdem hört man "Zeitdokumente" aus dem Krieg, etwa Feldpostbriefe von gefallenen Soldaten.

So tönen durcheinander: das Gebet und der Fluch, Hassausbruch und Glücksbeschwörung. Es soll eine Wirkung erzielt werden wie in Walter Kempowskis großem, viel umfassenderen Echolot-Projekt: ein Stimmengewirr, aus dem Abgrund herauftönend. Die Collage als Versuch, der großen europäischen Zerstückelung eine Form entgegenzusetzen.

Man hört einen belgischen Korporal, der seinen Soldaten Anweisungen gibt, wie sie nach dem Bajonettstoß die Waffe aus dem Bauch des Boche, des feindlichen Deutschen, ziehen sollen, nämlich mit einer maximalen Schmerz und größte Verwundung anrichtenden Bewegung: Erst drehen, dann rausziehen!

Aber man hört auch einen deutschen Soldaten, der das Wunder nicht fassen kann, noch am Leben zu sein: "Hat die geliebte Mama das erbetet oder die Großmutter?"

Man hört die Stimme der Kriegsbürokratie, sie tönt ausnahmsweise nicht in bellendem Deutsch, sondern in brüllendem Flämisch. Der belgische Korporal diktiert einen Kondolenzbrief an die Eltern eines Gefallenen: "Es wird Sie vielleicht trösten Komma dass Ihr Sohn sofort tot war Doppelpunkt er musste nicht leiden Punkt." Und man erkennt Schlüsselszenen aus Remarques Im Westen nichts Neues wieder: Paul Bäumer, der Protagonist des Romans, tötet in blinder Angst einen französischen Soldaten, der im selben Bombentrichter Schutz suchte, in dem Bäumer kauerte, und schwört sich, irr vor Schuldgefühlen, da der Tote ein Lehrer war: "Ich muss Lehrer werden."

Im Grunde ist dieser Auftrag auch in Percevals Stück enthalten. Wiedergutmachung? Nein, der Impuls wird nie formuliert. Aber ein anderer Impuls ist diesem Abend anzumerken: zu unterrichten über die Verlorenen. Den "unbekannten Soldaten" erstehen zu lassen, dessen Gestalt aus all denen besteht, deren Worte hier gesprochen werden.