Der brisanteste Bereich im Fußballstadion ist die Torlinie. Ob ein Ball die Linie überquert oder nicht, entscheidet über Schicksale und Völkerfreundschaften. Man denke nur an die wechselhafte, anhand von fälschlich gewerteten beziehungsweise nicht gegebenen Toren erzählbare Geschichte der Engländer und der Deutschen, also an das Wembley-Tor von Geoff Hurst (WM 1966) und an Frank Lampards nicht gewertetes Bloemfontein-Tor gegen Deutschland (WM 2010). Die beiden Völker haben aus dieser Geschichte unterschiedliche Schlüsse gezogen, die, wie Völkerkundler jetzt sicher behaupten, Wesentliches über die Mentalität beider Länder sagen: Die Engländer zeigen sich als Vernunftmenschen, lassen die Torlinie von einem Hightechsystem bewachen (was das betrifft, sind die Engländer ohnehin Weltmeister, man muss sich nur das CCTV-Überwachungssystem ansehen, mit dem sie ihre Innenstädte kontrollieren). Die Deutschen hingegen verteidigen ihren Ruf als dunkle, tendenziell irre Romantiker und überlassen die Kontrolle des Spiels, wie es deutscher Brauch ist, einer uralten Instanz: dem herrischen schwarzen Mann mit der Pfeife, dem Schiedsrichter.

Die Engländer sichern in ihrer obersten Liga die Torlinie besser, als es die Franzosen mit der Mona Lisa im Louvre tun. Sie verwenden das Hawk-Eye-System: Sieben Kameras sind permanent auf den Torbereich gerichtet, alle senden ihre Bilder an einen Rechner, und wenn der Ball die Torlinie überschreitet, kommt ein Signal auf der Armbanduhr des Schiedsrichters an, und er weiß: Tor.

Die Deutschen, genauer, die Vertreter der 36 deutschen Proficlubs, haben soeben mit Zweidrittelmehrheit gegen die Einführung einer solchen Technik gestimmt. Aus zwei einleuchtenden Gründen. Erstens: Es ist teuer. Zweitens: Ach, was soll der Quatsch. Jörg Schmadtke, Sportchef des 1. FC Köln, kleidete seine Ablehnung in folgende Worte: "Wir diskutieren heute immer noch über Wembley, und das hat dem Fußball nicht schlecht getan."

Aus all dem spricht ein tiefer Argwohn gegen die Technifizierung und Überwachung kreatürlicher Vorgänge, gegen die "Roboterisierung" des Spiels. Und so herrscht in unserem Fußball weiterhin die Macht der Zentralperspektive, der Blick des Schiedsrichters. Denn der Deutsche kann mit Fehlentscheidungen leben, aber er will, dass sie wenigstens ein Gesicht haben.

Mein Vorschlag ist deshalb, diskrete, möglichst kleine Torrichter hinter der Linie, im Torgehäuse selbst anzusiedeln, wo sie in einem Souffleurskasten kauern und dem Spielverlauf mit schlauen Augen folgen könnten. Denn letzten Endes ist die Torlinie auch nur eine Grenze, wenn auch die wichtigste der Welt, und an jede Grenze gehört ein Zöllner.