Der Urahn, das wilde Bankivahuhn Südostasiens (Gallus gallus), ist von schlanker Schönheit und trägt die Farben des Rebhuhns. Das Federkleid wechselt von Kupferbraun bis Zimt, dazu gelborange Einsprengsel. Aus diesen Dschungelhühnern, die Samen, Beeren und Kleingetier fressen, entstand unser Haushuhn.

Der Bankivahahn ist größer und schöner als die Henne, hat einen roten Kamm und zwei ebenso rote Glöckchen unterhalb des Schnabels; er misst von der Schnabelspitze bis zum hinteren Schweifwirbel exakt 31 Pariser Zoll (64 Zentimeter), wie Wilhelm Wegener, vortragendes Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft Dresden, 1861 berichtet. Bankivahühner sind kleiner als Haushühner, die Hähne scharen einen Harem von vier, fünf Damen um sich, die jeweils zwei bis drei Gelege mit maximal zehn Eiern ausbrüten. Das entspricht genau der Menge, die sie als Glucke unter ihrem Gefieder warm halten können. Im Jahr legt das Bankivahuhn etwa 20 Eier. Nach fünf Jahrtausenden Domestikation und Züchtung sind daraus verhaltensgestörte Turbohennen geworden, die heute 300 Eier im Jahr legen – eine formidable Performance.

Hühner gehören zu den ältesten Haustieren überhaupt. Gesichert sind ihre Spuren als Begleiter des Menschen in der bronzezeitlichen Indus-Kultur im 3. Jahrtausend vor Christus. Auch bei den Phöniziern, Chaldäern und Persern haben sie sich ihre Nester gebaut. Persische Gebete rühmen den "siegreichen Vogel", der nachts die Schlafenden behütet und den Satan bekämpft. "Wer von diesen Vögeln ein Paar in Reinheit und Güte einem Manne gibt, der gibt ebenso viel, als ob er einen Palast schenkte." Die Tiere liefern Fleisch, Eier, Federn; zudem ist der Hahn der Bote des Lichts: Sein morgendlicher Schrei ruft die Menschen zu Arbeit und Gebet.

Waren Hahnenkämpfe wichtiger als das Eierlegen?

Die Griechen hingegen schätzen die Vögel eher als Kampfmaschinen, die Hähne tragen messerscharfe Sporen. Auch in den asiatischen Kulturen lässt man die Tiere aufeinander los. Waren die Hahnenkämpfe, so fragte 1958 das Wissenschaftsmagazin Science, für die Verbreitung des Huhns am Ende wichtiger als Eier und Fleisch?

Doch gleich bei den Römern wird abgerüstet. Statt Hahnenkampf interessieren Zucht, Haltung, Fütterung. Die besten Hühner legen 60 Eier, bevor sie brüten, Hähne werden kastriert, um sie zu fetten Kapaunen zu mästen. Unterschiedliche Rassen tauchen auf, werden gekreuzt oder in Linie gezüchtet, und es ist der Chronist und Landwirtschaftsexperte Columella, der erstmals die Wirtschaftlichkeit der Hühnerhaltung erwähnt – 2.000 Jahre bevor der Effizienzterror in die industrielle Massenhaltung mündet.

Nach der römischen Blüte jedoch verfällt die Kunst der Hühnerhaltung. Immerhin verfügt Karl der Große, dass es auf jedem seiner Landgüter mindestens 100 Hühner geben soll. Im Übrigen bleibt das Ei als religiöses Symbol der Wiedergeburt und Wiederauferstehung eine nicht nur zur Osterzeit geschätzte Gabe Gottes, wie Hühnerfleisch eine beliebte Speise. Unvergessen das Wohlstandsversprechen des guten Königs Henri Quatre zu Beginn des 17. Jahrhunderts, jeder Bauer solle sonntags sein Huhn im Topfe haben.

Mit dem Beginn der Reformen in der Landwirtschaft – gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Lieblingsprojekt der Aufklärung – wendet man sich einer Optimierung der Tierhaltung zu. Das Huhn spielt da allerdings noch keine Rolle. Die Landwirtschaftsvereine des 19. Jahrhunderts lassen das Federvieh links liegen. Das Huhn wird zum bloßen Hofkehrer der Bauern, mit ihm ist kein Geld zu verdienen.

Oder doch? Im Goldenen Buch des Landwirts wettert Autor Cäsar Rhan 1890, dem Nationalvermögen gingen durch die Vernachlässigung der Geflügelzucht "Hunderte von Millionen verloren". Anders als in deutschen Landen "holt Amerika aus dem Geflügel mehr heraus als aus dem Weizenanbau, der Schweinehaltung, den Silberminen und der Baumwollzucht". Doch den neu gegründeten Geflügelzuchtvereinen, in denen Frauen laut Versammlungsrecht von 1887 ausgeschlossen sind, gelingt kein Imagewandel. Immerhin wächst die Legeleistung von 50 Eiern im Jahr 1800 auf 80 vor dem Ersten Weltkrieg.

Ein Irrtum läutet die Massentierhaltung ein

Im Deutschen Reich soll der Rassenwirrwarr im Stall beseitigt und die Inzucht eingedämmt werden. Die hat teilweise zu doppelköpfigen und vierfüßigen Hühnern geführt. Am 1. Dezember 1927 leben im Reich 61.427.266 Legehennen – heute sind es in der Bundesrepublik 38,4 Millionen. Neue Fallnester ermöglichen internationale Wettbewerbe im Eierlegen. 1930/31 sind die USA vorn, deren Tophühner 198 Eier im Jahr aus sich herauspressen.

Zur selben Zeit kommt es zu einer Revolution, die alle Betriebsmodelle radikal über den Haufen wirft. Ein kleiner Irrtum sorgt 1923 für den großen Umsturz. Die Hausfrau Wilmer Celia Steele aus dem Küstenort Ocean View im US-Bundesstaat Delaware besitzt ein bescheidenes Hühnerhaus und braucht Nachschub; sie bestellt 50 Eintagsküken. Doch statt 50 werden 500 geliefert.

Steele will die sonnengelben Junghühner nicht zurückschicken und beschließt, alle 500 Tiere über den Winter in ihrem kohlebeheizten Hühnerhaus aufzuziehen. 387 Tiere überleben auf engstem Raum. Steele verkauft sie schlachtreif im Frühjahr für je 1,40 Dollar und macht ein gutes Geschäft. Schon im nächsten Jahr bestellt sie 1.000 Küken, zwei Jahre später besitzt sie 10.000 Hühner, 1935 sind es 250.000. Steeles Aufstieg von der Hausfrau zur Hühnerbaronin begründet die erste Massentierhaltung.