Wer einen Fuhrpark, dicke Klunker und leicht bekleidete Frauen nicht zu seinen Hobbys zählt, hatte nach der Jahrtausendwende ein Problem: Er konnte mit HipHop-Musik nichts anfangen. Zu plump, vulgär, breitbeinig traten Protagonisten wie Puff Daddy oder Lil Wayne auf. In ihren Texten ging es um Geld, Autos oder Frauen, gern auch in Kombination. Dem skeptischen Beobachter war klar: HipHop ist nichts für intellektuelle Feingeister.

Das Genre steckte trotz seines kommerziellen Erfolgs imagemäßig in der Krise. Der Pop-Kritiker Jens Balzer brachte es in einer Bestandsaufnahme der deutschen Szene auf den Punkt: "Keine andere Gattung der populären Musik hierzulande ist so dermaßen auf den Hund gekommen wie der rhythmische Sprechgesang." Seit Jahren befinde er sich in den Händen halbdebiler Herumstotterer. Und weil sie nichts Substanzielles zu sagen wüssten, nervten sie in ihren Texten nur mit der unermüdlichen Demonstration ihrer kleinbürgerlich verklemmten Sexualität. Es ließe sich auch bildlicher formulieren: Rap war der alte Kumpel, den man seit Kindertagen kannte, der aber seit der Pubertät auf dicke Hose machte, weswegen man sich praktisch nirgends mit ihm blicken lassen konnte.

Jetzt besteht Grund zur Hoffnung, und das liegt an Künstlern wie Kendrick Lamar, Frank Ocean und Macklemore, an Casper, Marteria und Prinz Pi. Sie unterscheiden sich nicht nur optisch von ihren Kollegen, was für sich genommen bereits eine Wohltat ist, sondern scheuen sich auch nicht vor Themen, die bislang abschätzig bis ignorant behandelt wurden: Frank Ocean bekannte sich zu seiner Bisexualität und leitete damit einen Paradigmenwechsel innerhalb dieser von Machismo dominierten Musikrichtung ein. Ihm folgte Macklemore, der sich in seinem Hit Same Love der gleichgeschlechtlichen Liebe widmet. Bei der Grammy-Verleihung im Januar trat er inmitten von hetero- wie homosexuellen Liebespaaren auf, die sich vor den Augen des Publikums trauen ließen. Dazu rappte er: "If I was gay, I would think HipHop hates me ..." – wäre ich schwul, würde ich denken, HipHop hasst mich.

Schwul zu sein oder auch nur so zu klingen oder auszusehen bietet in der sogenannten Szene immer noch die größte Angriffsfläche, und davon kann der 31-jährige Casper ein Lied rappen, vorzugsweise über seinen vom Indie-Rock inspirierten Instrumentals. Als einer der Ersten hierzulande verweigerte er die obligatorischen Baggy Jeans und Pullis in Übergrößen und folgte damit einem Trend, der in den USA von Kanye West angestoßen wurde: von XXL zu XS. Anfangs lachte man West, das notorische Großmaul, dafür noch aus. Doch als sich seine Platten Millionen Mal verkauften, war das Ende der dicken Hosen endgültig eingeläutet. Insofern ist 2014 das Jahr, in dem man endlich wieder ohne schlechtes Gewissen HipHop hören kann. Plötzlich ist es der Soundtrack für den Mann von heute.