ZEIT: … womit Sie den Vorschlag der SPD-Ministerin Manuela Schwesig meinen, für Kleinkind-Eltern die Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden zu verringern. Die Kanzlerin hat die Idee allerdings kassiert.

Wetzel: Der Vorschlag ist gut. Aber es wird sich nicht jeder ohne finanziellen Ausgleich eine vorübergehend reduzierte Arbeitszeit leisten können. Es wäre eine tolle Aufgabe für die Gewerkschaften, einen Tarifvertrag abzuschließen, der regelt, wie diese Zeit bezahlt wird. Über Details beraten wir gerade.

ZEIT: Ihre Wiederentdeckung der Zeitpolitik begann mit einer Umfrage. Ist das Ihr Markenzeichen als neuer Gewerkschaftschef – die Mitglieder zu beteiligen?

Wetzel: Ja. Wenn wir neue Gruppen von Beschäftigten für die IG Metall gewinnen wollen – beispielsweise Frauen, Jugendliche und technische Experten –, dann müssen wir Angebote machen, bei denen sie sich wiederfinden. Deshalb ist die Beteiligung ein Schicksalsthema für die IG Metall, aber auch für andere. Keine große Organisation, kein Staat kommt heute ohne mehr Mitbestimmung und Beteiligung aus.

ZEIT: Klingt gut, aber wie machen Sie das konkret?

Wetzel: Ich bin seit 2007 im Vorstand der IG Metall, die erste große Befragung haben wir 2009 gemacht. Ich habe 10.000 Antworten mit persönlichen Anmerkungen selbst gelesen, über einen Zeitraum von zwei Monaten hinweg. Das war die spannendste Lektüre meines Lebens.

ZEIT: Was haben Sie gelernt?

Wetzel: Eine Frage hieß: Was ist ein gutes Leben? 200.000 Menschen hatten handschriftlich notiert, was ihnen wichtig ist. Da wurde zum ersten Mal deutlich, welche Rolle Entscheidungsfreiheit über die Zeit spielt. Auch sonst sind wir in der IG Metall offener geworden. Für unsere Mitarbeiter, die neue Mitglieder gewinnen sollen, gilt zum Beispiel die Devise: 70 Prozent zuhören, 30 Prozent reden. Die Bedürfnisse von Beschäftigten sind oft ganz andere als diejenigen, die wir im Kopf haben.

ZEIT: Was haben Sie in der Vergangenheit falsch eingeschätzt?

Wetzel: Ein Beispiel: Wir haben uns einmal lange und intensiv bemüht, bei einem Callcenter Mitarbeiter als neue Mitglieder zu gewinnen. Wir haben uns mit der Anfahrt zum Arbeitsplatz beschäftigt und natürlich mit Löhnen und Gehältern. Dann erst lernten wir, was die Menschen an meisten beschäftigte: Sie wollten zu Beginn einer Schicht auf keinen Fall die Headseats ihrer Vorgänger übernehmen. Da konnten wir helfen.

ZEIT: Wie politisch wünschen sich Ihre Mitglieder die IG Metall? Gerade im Moment reden Sie in der Bundespolitik viel mit. Fast hätten Sie die Frauenquote für Aufsichtsräte verhindert.

Wetzel: Zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit sollen wir uns äußern, dazu gehört auch die Quote, die wir im Grundsatz für richtig halten. Aber in den Betrieben der Metallindustrie liegt der Frauenanteil bei 20 Prozent. Und wir schlagen die Kandidaten für Aufsichtsräte der Arbeitnehmerseite nur vor, die Belegschaften entscheiden dann durch direktes Wählen selbst – unabhängig von unseren Anregungen.

ZEIT: Sie können Frauen nominieren, aber nicht durchsetzen?

Wetzel: So ist das in einer Demokratie. Deshalb fänden wir es besser, wenn die vorgeschriebene Quote jeweils dem Frauenanteil im Unternehmen angepasst würde. Das haben wir der Regierung gesagt.