Die Idee ist bestechend. Nicht die derzeit üblichen rund 800 Seiten wollte sich der französische Romancier Jean Echenoz nehmen, um über den Ersten Weltkrieg zu schreiben. Nein, er wollte es mit der Epochenwende auf 128 Seiten versuchen.

Wenn einer für einen solchen Versuch prädestiniert ist, dann der 66-jährige Goncourt-Preisträger Echenoz. Er kennt sich aus mit dem fiktiven Umgang mit Fakten: Seine letzten drei Romane waren literarisierte Biografien. Er beschrieb das Alter des Komponisten Ravel, das von den Nazis und den Kommunisten geplagte Leben des tschechischen Läufers Emil Zátopek sowie das überraschungsreiche des Physikers Nikola Tesla. Und er kennt sich aus mit allen erzählerischen Kniffen des Kondensierens und Destillierens. Als wär’s nichts, brachte er die großen Stoffmengen seiner Lebensläufe ins Format kurzer, hundert bis hundertfünfzig Seiten langer Romane. Dazu trug die prägnante, aufs treffende Detail und die sprechende Szene gut fokussierte Stoffgliederung bei. Am meisten aber der hinreißende Tonfall seines Erzählens. Seine Sätze waren kurz, sein Vokabular war wenig ausgreifend. Und wie die Sprache, so der Geist: Echenoz machte keine großen Worte. Er blieb zurückhaltend, auch wenn er sehr nahe heranging, etwa an die Demenz Ravels. Und er verstand es, seine Sachen leicht zu machen, aber nicht zu leicht. Wo nötig, sprach er traurige Ahnungen in den Text hinein. Meist beließ er es aber bei einer unmerklich schwebenden Melancholie.

Und nun also 14, der einfachste Titel, den man für einen Roman über den Ersten Weltkrieg wählen kann. Echenoz hat Familienbriefe aus der Kriegszeit gefunden, das brachte ihn zum Thema. Er las sich durch die großen Darstellungen des Krieges, das brachte ihn ins Thema. Dann ließ er all das zurück und begann, fast ganz so zu erzählen, wie er es in seinen letzten Romanen immer getan hatte. Auf einem Fahrradausflug hören wir mit Anthime, einem 23-jährigen Buchhalter, in der sonnenüberstrahlten Landschaftsschöne der Vendée am 1. August 1914 die Kirchenglocken zur Mobilmachung rufen. Zurück in der Stadt, bemerken wir, dass Echenoz diesmal nicht von einem einzigen Helden, sondern von einer Gruppe zu erzählen gedenkt, er tut es langsam, leuchtend, ausgreifend. Zu Anthime kommen der arrogante Charles, der Anthime regelmäßig demütigt, Blanche, in die beide Männer verliebt sind, und Anthimes "Angler- und Kaffeehausfreunde". Die Kriegseuphorie schildert Echenoz mit spürbarer Skepsis. Über einen Soldaten mit "schlechtsitzender Kluft" lesen wir schon auf Seite 14, dass er sich "in der Zeit, die ihm noch zu leben blieb, nicht mehr an diese Hose gewöhnen würde". Dann gibt es Defilees, endlose Zugfahrten, ebensolche Märsche, bis Anthimes Kompanie fast überraschend in einen Hinterhalt gerät, Schusswechsel, Sturmangriff, Rückzug. "Nach dem Appell stand fest, dass die Kompanie sechsundsiebzig Mann Verluste hatte."

Und dann? Dann nichts! Jedenfalls nichts, was nicht jeder schon wüsste. Auch wer noch kein Buch über den Ersten Weltkrieg gelesen hat, wird aus Echenoz’ Roman nichts erfahren, was er nicht längst schon gewusst hätte. Schützengräben, Gasangriffe, Hunger, all das haspelt der Autor mit einer sachlichen und sprachlichen Einfallslosigkeit ab, als sei der zweite Teil des Buches von einem anderen Autor geschrieben als der erste. Natürlich ist die Kälte – Flaubert hätte sich im Grab gedreht – "bissig". Und was tut die Kanone? Sie "donnert", sogar "als Basso continuo". Da bleibt den Granaten natürlich nichts anderes übrig, als zu "jaulen", die Kugeln müssen "pfeifen", die Skelette "brutzeln", die Schlachtfelder sind selbstredend "öde Mars-Landschaften", und "die Frühlingsoffensive verschlang eine gewaltige Menge Soldaten".

Von Stendhal über Jünger bis zu Simon, um nur drei von dreißig zu nennen, haben die europäischen Kriegserfahrungen Mal für Mal zu einer Erneuerung der literarischen Darstellungsweisen und zu einer Verfeinerung der Sprache geführt. "All das ist schon tausendfach beschrieben worden, vielleicht lohnt es gar nicht weiter, sich bei dieser stumpfsinnigen, stinkenden Oper aufzuhalten", stöhnt Echenoz einmal. Sein Dutzendfranzösisch lässt indes vermuten, dass er nicht eine dieser Beschreibungen wachen Geistes gelesen hat. Vielleicht wollte er mit dem Seufzer auch nur beweisen, dass er auch von Opern nichts versteht.

Zwei Postskripta:

1. Anthime und Charles sind, wie wir nach einiger Zeit erfahren – wer nichts hat, macht Spannung halt aus unmotivierter Verzögerung –, Brüder. Blanche bekommt ein Kind, wohl von Charles, vielleicht auch nicht. Charles fällt, Anthime verliert einen Arm. Auf der letzten Seite zeugt Blanche mit Anthime ein zweites Kind. Alles endet sehr traurig im Zeichen der Schutzheiligen Sancta Simplicitas.

2. Eine abweichende Lesart präsentiert der Schutzumschlag, auf dem der Hanser Berlin Verlag schreibt: "Der Erste Weltkrieg ist heute nicht mehr mit traditionellen Romanmitteln darstellbar – Echenoz als Meister der Romansubversion zeigt, wie es anders gelingt." Gibt es keine europäische Richtlinie, die solchen wahrheitswidrigen Waschzettelschmalz unter Strafe stellt?