Wie ist das nun mit dem Schaf? Wird es eher unterschätzt oder überschätzt? Geht es auch ohne oder nur mit Schaf? Kennen wir überhaupt eine Welt ohne Schafe? Zunächst das Seelische: Wen ein frisch geborenes Lämmlein, das sich frierend unter die Jacke strampelt und an den Fingerspitzen saugt, nicht mit einem Gefühlssturm von Liebe und Zärtlichkeit überschwemmt, hat überhaupt kein Herz. Und erst recht gilt dies für die Empfindung vor einer ganzen Schafherde, wie sie sich in weißen Tupfen auf einer Wiese verteilt: Wölkchen gleich, die sich nicht auf dem blauen Firmament, sondern auf einem grünen Himmel tummeln, Vorschein des Paradieses auf Erden. Wer wollte da nicht Hirte sein?

Das Schaf ist das biblische Tier schlechthin. Vom verirrten Schaf bis zum Lamm Gottes hat es die Heilige Schrift mit zentralen Metaphern versorgt und den semantischen Raum des Abendlandes geprägt. Nicht zufällig ist die Schafsgeduld der Engelsgeduld verwandt. Deutlich unterschätzt wird dagegen, dass Schafe auch den realen Landschaftsraum wesentlich gestaltet haben. Weite Teile Spaniens, vor allem aber Schottlands würden ohne Schafe nicht so aussehen, wie sie aussehen: nämlich weitgehend öde und kahl. Das Schaf hat alles gefressen. Oder sagen wir richtiger: Der Mensch hat durch Rodung alles so eingerichtet, dass sich das Schaf wohlfühlt und die Natur weiterhin kurzhalten kann.

Die historische Ökobilanz des Schafes ist eine Katastrophe; ganz so unschuldig, wie die Bibel nahelegt, kann es also nicht sein. Andererseits stellt sich die Frage, wer das Schaf überhaupt erst so mächtig hat werden lassen, und das war natürlich wieder der Mensch, der ewige Sünder. Es gab aber Anknüpfungspunkte für sein Treiben, starke Anknüpfungspunkte in der Natur des Schafes. Als Erstes: der Schafbock. So ein Widder, ein richtig ausgewachsener Widder, zählt zu den stärksten Tieren, bezogen auf die Körpermasse. Rangkämpfe können tödlich enden; und wehe dem Menschen, der sich unversehens als Konkurrent präsentierte. Sehr wohl aktenkundig sind letale Mann-Schaf-Begegnungen.

Und selbst ein kastrierter Bock, ein zu Recht so genannter Hammel, hat noch einen ordentlichen Wumms, allein schon vom Aroma eines Hammelkoteletts her beurteilt. Es essen ja die verzärtelten Jetztmenschen immer nur Lammnüsschen – aber wissen Sie, wie alt so ein Lamm überhaupt nur sein darf? Maximal ein Jahr, und das heißt, dass es sich um Kleinkind-Kannibalen handelt, die hier gar nicht mitreden dürfen. Wer es mit dem Fleischverzehr wirklich ernst meint, sollte sich schon dem Hammel in Pfefferminzsoße stellen. Bei meiner Großmutter wusste man immer, woran man war, sobald man nur das Haus betrat: Es verlor den Geruch ranzigen Hammelfetts niemals.

Was also beim Schaf als Gattung vor allem bewundert werden muss, ist diese einmalige Verbindung von durchaus robuster Natur und Seelenadel. Ein Schaf tut von sich aus niemandem etwas zuleide. Tut es überhaupt etwas, außer zu fressen? Das ist schwer zu sagen. Es guckt jedenfalls ausführlich und milde-wohlwollend – nun, wohin eigentlich? In den Himmel, in die Wiese, aufs Nachbarschaf? Ich würde sagen: ins Leere hinein. Es starrt ins Nichts, ins kosmische Rätsel. Das Schaf, zum Letzten, ist vielleicht das einzige Tier, das sich der Betrachtung des reinen Nichts aussetzt, so gesehen ein besonders mutiges Lebewesen. Vielleicht sollte man sich vom Opfer-Image des Schafes lösen. Oder sagen wir so: Seine biblisch bezeugte Opferbefähigung kommt aus metaphysischer Stärke.