Vertrackt ist die Lage in der Ukraine, und urplötzlich macht Russland den Westen ratlos. Klärungen liefert da ein Klassiker, der pünktlicher nicht hätte wiederaufgelegt werden können. Der große spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883 bis 1955) schrieb sich 1922 die Verzweiflung über seine Heimat von der Seele. Sein 1937 auf Deutsch unter dem Titel Aufbau und Zerfall einer Nation erschienenes Buch erhellt universalhistorische Konstellationen für ein Land, das wie Spanien von Spaltung – Katalonien, das Baskenland – bedroht ist: hinreißend spekulativ, stilistisch glänzend. "Nationales Zusammenleben ist eine tätige, bewegte Wirklichkeit, kein ruhendes, statisches Zusammensein wie das eines Haufens Steine am Wegrand", weiß der Philosoph und betont Zukunft statt Vergangenheit: "Aber Nationen bilden sich und bestehen aus keinem anderen Grund, als weil sie etwas für morgen vorhaben." Was hatte die Ukraine vor – Europa oder Russland? Diese Unentschiedenheit war fatal, aber noch verhängnisvoller ist für den demokratieskeptischen Massentheoretiker Ortega y Gasset das Versagen der Eliten. "Der Niedergang eines Gemeinwesens kommt just dadurch zustande, dass die vornehmen Klassen entarten." Milliardenschwere Oligarchen führen es vor. Und er deutet Russland, das "erlesene Minderheiten" besitze, diese aber seien zu klein angesichts der riesenhaften Ausdehnung, um "den mächtigen Leib dieses Volkes ganz mit ihrem ordnenden Einfluss zu durchdringen".