Bernhard Vogel fühlt sich falsch zitiert. Immer, wenn dieser Tage von Bischofferode die Rede ist, vom Hungerstreik der Thüringer Kali-Bergarbeiter gegen die Schließung ihres Schachts – dann wird ein Satz ins Feld geführt, den Vogel damals sagte, im Jahr 1993: "Ich habe in die Fratze des Kapitalismus geblickt."

Aber, ruft Vogel nun ins Telefon, im März 2014: "Fratze, das trifft es nicht! Ich habe das schärfer ausgedrückt. Ich sagte: 'kalte Fratze'! Denn damals hatte ich die kalte Fratze des Kapitalismus ja wirklich selbst gesehen. Bischofferode war ein Drama. Für die Ostdeutschen unerklärlich." Vogel ist heute 81, wir erreichen ihn daheim in Speyer. In Erfurt vergisst man manchmal, dass der volkseigene Bernhard, Thüringens Ministerpräsident von 1992 bis 2003, in Wahrheit seit langen Jahren Rheinland-Pfälzer ist. Ein Wessi! Was seinem Spruch vom Kapitalismus erst die rechte Würze gab.

Wissen muss man: Bischofferode, die Demütigung der Bergarbeiter, war eine Ursünde der Einheit. Kein zweites Mal fühlten sich so viele in den neuen Ländern so sehr über den Tisch gezogen. Die Ost-Identität der Neunziger, das Gefühl, verloren zu haben, speiste sich auch aus diesem Fall. Der Schacht im Eichsfeld, ohne trefflichen Grund von der Treuhand geschlossen, damit eine westdeutsche Firma ihre Marktmacht behalten kann ...

Jetzt, zwei Jahrzehnte später, streitet Thüringen wieder über Bischofferode. Vogels Spruch von der Fratze des Kapitalismus wird allüberall bemüht. Das liegt an einem geheimen Schriftstück, das plötzlich nicht mehr geheim ist – über das man irgendwie sprechen muss, aber angeblich nicht darf. Es ist jener Vertrag, der Bischofferodes Untergang einst besiegelte. Nach zwei Jahrzehnten, in denen viel über das Dokument geraunt wurde – aber kaum einer es kannte –, landeten in der vorigen Woche Kopien bei allen Landtagsfraktionen und einigen Journalisten.

Niemand weiß, wer diese Kopien verschickt hat und ob ihr Inhalt authentisch ist; der Vertrag also echt oder gefälscht. In Erfurt aber löste der Vorgang eine Berglawine aus: Stapelweise Leserbriefe gehen bei den Zeitungen ein. Ein Blatt lud die Vertragskopie im Volltext ins Internet. Bodo Ramelow, der Linken-Fraktionschef, betrieb die Debatte am hartnäckigsten: Der Aktenfund passt ihm gut, im September will er Regierungschef werden – und Bischofferode ist ein linkes Thema. Ramelow möchte zum Beispiel beweisen, dass der Geheimvertrag damals sittenwidrig war. Als Sühne für die Vergangenheit. Und als Lösung für die Zukunft: Er will so jene Millionenzahlungen stoppen, die Thüringen noch heute für die Sanierung von alten DDR-Bergwerken leistet.

Was, um Himmels willen, macht dieses Schriftstück so teuflisch?

Aber er braucht dazu die Regierung. Das Problem ist: Mehr als eine Woche lang ignorierte Christine Lieberknecht (CDU), die Ministerpräsidentin und Nach-Nachfolgerin Vogels, den Vertrags-Leak mit beachtlicher Ruhe. Schickte lediglich ihren Staatskanzleichef vor, ließ ihn mit Paragrafen drohen: Wer öffentlich über geheime Verträge spreche, egal, ob sie anonym veröffentlicht wurden, der mache sich strafbar.

Das wirft zunächst die Frage auf: Was, um Himmels willen, ist dieser Vertrag für ein teuflisch Ding?

Um das zu verstehen, muss man noch einmal tiefer in die Geschichte. Nach der Wiedervereinigung gehörten die ostdeutschen Kaligruben zur "Mitteldeutschen Kali AG". Die Firma befand sich im Besitz der Treuhand, ergo der Bundesrepublik. Irgendwann fasste die Treuhand den Plan, diese Ost-Gruben mit dem Kali-Monopolisten des Westens zu verschmelzen – der "Kali + Salz" (K+S). Der Plan von Treuhand und K+S sah vor, im Zuge dieser Fusion deutschlandweit Bergwerke dichtzumachen; aufgrund von Überkapazitäten. Nur: Die Gruben im Westen kamen glimpflich davon. Im Osten dagegen schlossen neun von zehn Stollen; darunter Bischofferode.