Das Lob traf den Werbetexter wie eine Ohrfeige. Sein Chef hatte gesagt: "Ich schätze es an Ihnen, dass Sie immer pünktlich liefern." Zwar ist es gut, wenn ein Vorgesetzter das Wort "Feedback" nicht mit "Kritik" übersetzt, sondern auch ans Loben denkt. Aber ein Lob sagt auch viel darüber aus, ob er sich ernsthaft mit den Stärken eines Mitarbeiters beschäftigt hat.

Wenn Mitarbeiter gelobt werden für Selbstverständliches, Banales oder gar Misslungenes, fühlen sie sich verschaukelt. Ein Lob will "mit Verstand" erteilt sein (wie Anselm Feuerbach sagt); deshalb ist treffendes Lob so selten.

Den Werbetexter ärgerte, dass er zuletzt brillante Slogans entwickelt hatte, ohne ein Wort der Anerkennung zu hören. Und nun wurde er gelobt für eine Formalie. Entweder war die Qualität seiner Arbeit übersehen worden – sonst hätte sein Chef sie anstelle der Pünktlichkeit würdigen können, am besten individuell begründet, etwa mit Verweis auf ein Wortspiel, eine Metapher, eine überraschende Idee. Oder der Chef hatte ihn nicht gelobt, weil er einen Grund dazu sah, sondern nur, um gelobt zu haben. Das riecht nach Führungspfusch, nach Manipulation.

Etliche Chefs laufen morgens mit der Gießkanne durch die Firma, um unqualifiziertes Lob auf ihre Mitarbeiter regnen zu lassen – auf dass die Leistung noch mehr wachse! Im Großraumbüro kann jeder verfolgen, wie das Plätschern des Lobes näher kommt, ihn trifft und dann weiterzieht. Sobald der Chef draußen ist, wächst nur eines: die Lust aufs Lästern!

Die Mitarbeiter fühlen sich für dumm verkauft. Das gilt vor allem, wenn der Chef Leistungen lobt, die des Lobens nicht wert sind (was niemand besser weiß als die Mitarbeiter!). So entlarvt er sich als Ahnungsloser. Und die Mitarbeiter nehmen seine Anerkennung selbst dann nicht mehr ernst, wenn sie zufällig mal auf eine Spitzenleistung regnet.

Wer nie lobt, der ist ein schlechter Chef. Wer zu viel oder fürs Falsche lobt, der ist es auch.

Ein Lob an der richtigen Stelle, mit Verstand und guter Begründung ausgesprochen, macht dem Mitarbeiter bewusst: "Der Chef sieht und würdigt, was ich kann und leiste!" Solche Komplimente vergisst man nie. Dagegen unterliegt willkürliches Lob dem Gesetz der Inflation: Es verliert rasch seinen Wert.