Das Erste, was Thomas Breuer jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen macht, ist, im Internet nachzusehen, ob auf der Krim Krieg ausgebrochen ist. Für Breuer ist das, was sich auf der ukrainischen Halbinsel in diesen Wochen abspielt, nicht nur eine geopolitische Krise, sondern auch eine Frage der wirtschaftlichen Existenz. Er ist Gründer und Geschäftsführer einer Softwarefirma mit Sitz in Süddeutschland und einer Niederlassung in der Hauptstadt der Krim, Simferopol. Thomas Breuer heißt in Wahrheit anders, und auch der Name der Firma soll hier nicht auftauchen. Sonst könnte Breuer nicht so offen sprechen, zu groß ist die Angst vor wirtschaftlichen Repressalien.

Bis vor Kurzem beschäftigte Breuer auf der Krim noch 70 Menschen, inzwischen sind es nur noch 50. Jeden Tag zieht er Mitarbeiter aus Simferopol ab. Der Unternehmer will den Standort auf der Krim bald ganz aufgeben. "Wir haben dort keine Zukunft mehr", sagt er.

Breuers Geschäftspartner auf der Krim hat seine Verlobte notgeheiratet

Eine gute Woche nach dem umstrittenen Referendum, bei dem sich die Krimbewohner mehrheitlich für den Beitritt zur Russischen Föderation ausgesprochen hatten, hat Russland auf der Krim die Kontrolle übernommen. Soldaten besetzen Militärstützpunkte, überall werden russische Fahnen gehisst. Die ukrainische Armee hat den Rückzug angetreten. Seit Anfang der Woche ist der Rubel das offizielle Zahlungsmittel, bald haben die Krimbewohner einen russischen Pass.

Was bedeutet das für die Unternehmen vor Ort? Wie gehen sie mit der Annexion durch Russland um? "Alle Firmen, mit denen wir zu tun haben, wollen weg von der Krim", erzählt Breuer. Die Lage sei zu gefährlich, in diesem unsicheren Umfeld möchte kein Unternehmer gern Geschäfte machen. Jeden Moment könne Krieg ausbrechen, und selbst wenn es nicht zum Schlimmsten kommt, befürchtet Breuer Repressalien gegen sein Unternehmen: Durchsuchungen, Überwachungen der Geschäftsbeziehungen, vielleicht sogar Enteignungen.

"Vergangene Woche war der russische Geheimdienst FSB auf unserer Website. Wir konnten die Internetadresse über unser Online-Tracking-System dem FSB eindeutig zuordnen", erzählt Breuer. Das sei eine offene Drohung gewesen, der inländische Geheimdienst der Russischen Föderation habe sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Spuren zu verwischen. Außerdem sei der Internetanbieter aufgefordert worden, sich bei einem Kontaktmann des russischen Geheimdienstes zu melden und offenzulegen, wen er über das Internet mit Dienstleistungen versorge, erzählt der Unternehmer. "In all den Jahren, die wir auf der Krim sind, hatten wir nie mit dem Geheimdienst zu tun. Das ändert sich jetzt." Auf Überwachung habe er "absolut keine Lust".

Breuer befürchtet, dass die Russen ihn und seine Firma besonders streng überwachen könnten. In den vergangenen Jahren hat er sich immer wieder regimekritisch geäußert. Er war schon 2004 bei der Orangenen Revolution dabei, jüngst noch demonstrierte er gegen das korrupte Regime von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch in Deutschland. "Auch unsere Mitarbeiter sind mehrheitlich pro-westlich eingestellt", sagt Breuer. Sie sind jung, gut ausgebildet, internetaffin, viele haben im Ausland gelebt. 80 Prozent der Beschäftigten seien, ethnisch gesehen, Russen, aber zwei Drittel hätten das Referendum boykottiert. Dieses nennt Breuer eine "Farce hinter vorgehaltener Waffe".

Sein Mitgründer und Geschäftspartner, der in Simferopol geboren ist und hier Oleg Petrow heißen soll, hat vergangene Woche ganz schnell seine Verlobte in Kiew geheiratet, damit er seinen ukrainischen Pass vorerst behalten darf. Dabei ist er selbst russischer Abstammung, er spricht besser Russisch als Ukrainisch. "Ich habe mein Hab und Gut zusammengepackt und bin nach Kiew geflohen", sagt Petrow, als man ihn in diesen unruhigen Tagen am Telefon erwischt. Immer wieder bricht die Verbindung ab, Petrow wirkt aufgekratzt, seine Stimme überschlägt sich, wenn er von den Ereignissen in seiner Heimat berichtet. "Auf der Krim herrschen kriegsähnliche Zustände. Wir haben unsere Freiheit verloren."

All das sah einmal ganz anders aus. Vor einigen Jahren besuchte die ZEIT die beiden Unternehmer auf der Krim. Damals lockte die Softwareschmiede mittelständische Firmen damit, ein Drittel ihrer Kosten einzusparen, wenn sie ihre Programmierarbeiten in der Ukraine erledigen ließen. Nearshoring nennt man das Auslagern von Geschäftsprozessen in Länder, die man in wenigen Flugstunden erreichen kann: Polen, Malta oder eben die Ukraine. Breuer warb damit, wie ähnlich die Leute auf der Krim doch den Leuten in Deutschland seien – nur hungriger nach Erfolg. "So wie in Deutschland zur Zeit des Wirtschaftswunders", sagte er, "das haben wir vor Ort."