Als die ersten Künstler das Atelier verließen und mit dem Skizzenblock hinaus ins Freie zogen, war das eine Offenbarung nicht nur für sie. Für Heinrich Modersohn, Jahrgang 1948, ist der Dialog mit Natur und Landschaft essenziell, unabhängig von den Medien, mit denen er seine Eindrücke künstlerisch umsetzt – oft läuft er mit der Kamera hinaus. Flache Landschaft, krumme Weiden und dazwischen mäandernd: die Wümme. Vor einigen Jahren hat Modersohn den Charme des Eises entdeckt und eine Art Langzeit-Naturexperiment angestellt. An jedem Frosttag hielt er dessen Spuren im Boden fest, jeweils aus circa 30 Zentimeter Höhe aufgenommen. Eine Vielfalt von Schattierungen, Spiegelungen und Erstarrung gab es zu entdecken.

Reichlich Inspiration also für die Themen Licht, Materie und Struktur, die Modersohn in immer neuen Techniken verarbeitet. Struktur vor allem beschäftigt ihn, deren Vielfalt wie auch Gesetzmäßigkeiten sich in der organischen wie anorganischen Materie wiederfinden. Wer über die Varianten dieser Strukturen nachdenkt, hält die Frage nach figürlicher oder abstrakter Darstellung für ziemlich akademisch.

Bis zum 4. April stellt die Produzentengalerie in Hamburg 14 Werke von Modersohn aus, die einen Bogen spannen von früher Fotografie bis zu jüngeren Arbeiten, zu denen auch dieses Traumstück zählt (55 mal 44 Zentimeter, Preis: 3600 Euro). Ein Anklang an die erwähnten Eis-Augenblicke scheint sich darin wiederzufinden. Hochpigmentierte Zeichentusche auf Leinwand. Der Fond: tiefes Tomatenrot. Darauf verteilt um die 20 unregelmäßige Rechtecke, wie flatternde Lichtsegel hineingebaut. Mit Maskierflüssigkeit hat der Künstler einzelne Bildbereiche abgedeckt, die beim Farbauftrag ausgespart blieben – mit dem Effekt, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Arbeitsebenen verwischen. Aus der Entfernung: eine Komposition abstrakter Flächen. Aus der Nähe zeigt sich, dass jede dieser Flächen anders mit Tiefe, Schattierung und der Struktur der Leinwand spielt. Kräftige Pinselspuren setzen Akzente. Und erzeugen so ein endloses Spiel im Auge des Betrachters.