In kleinen Auktionshäusern lassen sich noch echte Schätze heben. Zum Beispiel dieser Teppich, den ein Bieter 2009 im Augsburger Auktionshaus Rehm ersteigerte. Rehm hatte den Perserteppich auf 900 Euro geschätzt, und so waren die Einlieferin und der Versteigerer überglücklich, als er nach einem langen Bietgefecht schließlich für 19.700 Euro verkauft wurde. Doch das wirkliche Geschäft hatte dann der Höchstbietende gemacht. Er recherchierte die Herkunft des Teppichs und ließ ihn im April 2010 bei Christie’s in London abermals versteigern. Im Katalog wurde der Fund nun als ein außergewöhnlich bedeutender Vasen-Teppich aus dem persischen Kirman des 17. Jahrhunderts beschrieben. Christie’s schätzte den Teppich auf 200.000 bis 300.000 Pfund, versteigert wurde er dann jedoch – wieder nach einem langen Bietgefecht – für gut 6,2 Millionen Pfund (inklusive Aufpreis des Auktionshauses). Heute hängt das teure Stück im Museum für Islamische Kunst von Katar, und die ursprüngliche Besitzerin verwickelte das Augsburger Auktionshaus in einen für das Auktionswesen bedeutsamen Rechtsstreit. Die Einlieferin verklagte Rehm auf Schadensersatz, weil es den Wert ihres Teppichs nicht erkannt hatte. Das Oberlandesgericht München urteilte jetzt in zweiter Instanz, dass dem kleinen, nicht auf Teppiche spezialisierten Auktionshaus keine Schuld zukommt.

Von einem weiteren Vasen-Teppich träumten wohl einige jener Schatzsucher, die vergangenen Sonntag auf der Vorbesichtigung des Auktionshauses Leo Spik am Berliner Kurfürstendamm die Ecken der auf dem Boden ausliegenden Perserteppiche umschlugen und hoch konzentriert Webtechnik und Muster prüften. Auktionshäuser wie Spik und Rehm gibt es in jeder Stadt, sie tauchen selten in den Feuilletons auf, setzen aber insgesamt weitaus mehr Kunst und Antiquitäten um als die Häuser mit den weltweit klingenden Namen. Von heute bis Samstag kommen etwa bei Spik an drei Tagen rund 2000 Objekte zur Versteigerung, Gemälde der letzten 500 Jahre, Porzellan aus Meißen, eine Sammlung präkolumbianischer Kunst, dazu Silber, Uhren und Bücher. Die Schätzpreise variieren von 50 Euro für drei silberne Drehbleistifte bis zum Höchstpreis von 40.000 Euro für ein Gemälde von Franz von Stuck. Das Stucksche Fangspiel von 1915 zeigt eine noch recht fröhliche Nymphe auf giftig grün gemaltem Gras, die von einem Satyr mit grotesk klauenartigen Händen verfolgt wird.

Doch wo ist der heimliche Schatz in dieser Auktion? Ist es die Adolf von Meckel zugeschriebene Ölstudie einer Ägyptischen Tempelanlage mit vom Wind heftig zerzausten Palmen zum Schätzpreis von 1500 Euro? Oder das Ölporträt des Knaben mit dichtem, rotblondem Haar eines unbekannten Malers aus dem Münchner Umkreis von Wilhelm Leibl zum Schätzpreis von 1200 Euro?

Das Geschäft mit den Antiquitäten leidet unter einem Überangebot

Das Auktionshaus Spik profitierte nach dem Zweiten Weltkrieg – nachdem es im Auftrag der Nazis auch beschlagnahmte jüdische Sammlungen versteigert hatte – von der Abgeschlossenheit der Stadt. Die Nachlässe aus den großbürgerlichen Wohnungen landeten oft hier, dazu kamen jene Objekte, die Bürger aus der DDR mit Erreichen des Rentenalters in den Westen schafften. Heute hat sich vieles gewandelt, die großbürgerlichen Wohnungen um den Kurfürstendamm sind längst in Kanzleien umgewandelt worden, von hier kommt kein Nachschub an Kunst und Antiquitäten mehr. Und das Internet hat sowohl für die Einlieferer wie für die Sammler die Möglichkeit geschaffen, schnell einen weltweiten Überblick über das Angebot zu bekommen. Gerade die Preise für jene Stücke, die nicht besonders rar sind, haben unter diesem neuen Überblick stark gelitten.

Was den Verkaufswilligen und den Auktionshäusern wie Spik – oder etwa auch dem Vielspartenhaus Dannenberg in Berlin-Steglitz – zu schaffen macht, sind jetzt die internationale Konkurrenz im Internet und das Überangebot an jenen Antiquitäten, die heute nicht mehr in Mode sind. Anfang der siebziger Jahre waren die Preise auf dem Antiquitätenmarkt in Deutschland explodiert, jahrzehntelang wurden dann für Biedermeierschränke, Meissener Porzellan oder englisches Silber teilweise fünfstellige D-Mark-Summen gezahlt. Doch die Preise für die breite Masse dieser Objekte sind inzwischen implodiert. Die jüngere Generation will keine Perserteppiche mehr in der Wohnung liegen haben – obwohl sie doch so wunderbar den Tritt dämpfen. Und wer unter sechzig hat heute noch ein aufwendig bemaltes Porzellanservice? In eine alte Kaffeetasse passe leider kein Latte macchiato, kommentiert die Expertin Susanne Link, die seit 1971 für das Haus Spik arbeitet. Junge Menschen müssten flexibel bleiben, oft ihren Arbeits- und Wohnort wechseln – und dabei würden sie ungern einen massiven Barockschrank aus Walnussholz mit sich herumschleppen. So kommt es, dass solche alten Meisterwerke aus mit Intarsien reich verziertem Vollholz heute oft günstiger sind als die aktuelle Pressspan-Ware der Möbelhäuser.

Bei Dannenberg etwa wurde gerade in der Auktion vom 14. und 15. März eine schlicht gestaltete, laut Auktionshaus um 1830 entstandene Biedermeierkommode aus Nussbaumholz für 300 Euro (ohne Aufpreis) versteigert. Natürlich gab es aber auch auf dieser Auktion eklatante Ausbrüche: Zum teuersten Los wurde ein ursprünglich auf 6000 Euro geschätztes Gemälde des Hofmalers Friedrich Frisch für König Wilhelm I. von Württemberg, das den Rückzug Ibrahim Paschas durch die Wüste zeigt. Das Höchstgebot lag schließlich bei 60.000 Euro, ein Rekordpreis für das Werk dieses kaum bekannten Meisters. Der unbekannte Bieter muss hier einen ganz besonderen Schatz entdeckt haben.

Chinesen reisen nach Berlin, um bei Leo Spik Porzellan zu begutachten

Vor zwei Jahren haben die Brüder Alexander und Robert Ernst das 1976 gegründete Auktionshaus Dannenberg übernommen, sie versteigern vor allem komplette Nachlässe und Wohnungseinrichtungen, rund 5000 Lose sind es alle drei Monate. Man kann sich hier komplett einrichten, von der Lampe über die Vase bis zum Besteck. Die jungen Brüder lassen ihre Auktionen auch live im Internet übertragen, Nichtversteigertes wandert zum schwedischen Onlineauktionshaus Auctionet. Und sie versuchen den sinkenden Antiquitätenpreisen durch eine Spezialisierung auf Nischen entgegenzuwirken. Selbst bei dem kleinen Auktionshaus Dannenberg gibt es jetzt ein wachsendes Angebot an Antiken und Asiatika. Gerade die chinesischen Antiquitäten verhalfen in den vergangenen Jahren vielen kleinen Auktionshäusern zu großen Umsätzen.

So traf man auch bei Leo Spik auf gleich mehrere Chinesen, die sich zwar wenig für die angebotenen Altmeistergemälde interessierten, dafür aber gezielt zwei, drei Objekte in den Geschäftsräumen am Kurfürstendamm begutachteten. Am genauesten untersuchten sie eine große, weiße Plattflasche aus Porzellan, die mit blauen Blüten und Lotosblättern verziert ist. Sie trägt eine Qianlong-Siegelmarke, das Auktionshaus schätzt sie auf 1500 Euro. Sehr gut möglich, dass sie am Samstag für ein Vielfaches versteigert werden wird. Womöglich ist diese Flasche der nächste Schatz, der in einem kleinen Auktionshaus gehoben wird.