So ziemlich jede Kunstgattung kann man sich besser im Zentrum der Macht vorstellen als die Lyrik. Die bildende Kunst hat sich mehr denn je im Schatten der Macht und des Geldes eingerichtet. Auch ein Streichquartett im Kanzleramt passt perfekt zu unserer Vorstellung von Repräsentationskunst. Und die sogenannten engagierten Schriftsteller mit ihren dringlichen Appellen suchen immer wieder wie selbstverständlich die Bühne der Politik, um die Vermählung von Geist und Macht zu zelebrieren. Nur der moderne Lyriker hat so gar keine Macht-Prätention. Seit die Zeiten der Stalin-Hymnen, des gereimten Herrscherlobs vorbei sind, ist die Lyrik die unschuldigste Gattung: Am Markt erzielt sie keine hohen Preise, sie ist zu leise, um auf öffentlichen Plätzen instrumentalisiert zu werden, und für Gemeinschaftserlebnisse ist sie zu hermetisch.

Was also machen um Gottes willen sechs Lyriker aus aller Welt im Kanzleramt? Monika Grütters, die neue Kulturstaatsministerin, hat sie eingeladen. Man merkt, dass ihr dieser Abend eine Herzenssache ist: Wo ihr Vorgänger auf dem roten Teppich des Kinos wandelte, begeistert sie sich für die Filigrankunst.

Kann sich also etwas so Zartes wie ein Gedicht gegen die mächtigen Wände von Axel Schultes’ Kanzleramt behaupten? O ja, und zwar durch uneitlen Stolz. Die eingeladenen Dichter kamen aus Indonesien, Ungarn, Kanada, Deutschland, Südafrika und Bahrain, aber hätten sie in der Gemeindebücherei von Sindelfingen gelesen, ihr Habitus wäre nicht anders gewesen. An jedem Ort der Welt muss der Lyriker tief Luft holen, um Ich zu sagen – dieses stille Selbstbewusstsein macht ihn unempfänglich für die Verlockungen durch den Status-Glanz des Ortes.

Die geladenen Zuhörer, durch die Sicherheitsschleuse auch äußerlich losgelöst vom Treiben der Welt, versanken lauschend in die fremden Sprachen, als wären sie Teilnehmer eines meditativen Gottesdienstes. Die Dichter traten zusammen mit ihren Übersetzern auf, aber es stellte sich rasch das wohltuende Gefühl ein, als lasse schon der Originallaut keine Fragen offen. "(...) nicht um treu zu sein, wurd ich dein Weib. / ich nehme mir das Recht, auf jedem Schlachtfeld / meinen Kampf zu führen", sprach Dorothea Rosa Herliany aus Indonesien – und wie ihre Stimme dabei modulierte, ließ keinen Zweifel, dass dieses lyrische Ich sich auf jedem Schlachtfeld des Lebens zu behaupten weiß. Steffen Popp besang die Ostsee, und András Gerevich aus Ungarn fand köstliche Bilder für das Bewusstsein, "dass es niemanden geben wird, / der die Sanduhr wieder umdrehen könnte".

Als die Südafrikanerin Antjie Krog ihre Gedichte in einem wahren Konsonantengewitter vortrug, klang ihr Afrikaans so, als hätten wir es alle mal im Schlaf beherrscht und nur nach dem Erwachen vergessen. Während sie rezitierte, ging auf dem Gesicht des jungen Dichters aus Bahrain, Ali al-Dschalawi, die Sonne auf, als wollte er sagen: Ja, genau so muss Dichtung klingen! Dann las er selbst, der vor zwei Jahren vor den Schergen seines Heimatlandes nach Deutschland fliehen konnte, mit der ganzen Anmut und Erhabenheit, die man mit der Dichtkunst des Orients verbindet: "Schnell gealtert bin ich wie ein ungesungenes Lied."