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Braucht der Mann eine Chefin? Selbstverständlich braucht er sie. Wer keine hat, ist zu bedauern. Denn was ist trübsinniger als eine Arbeitswelt, in der auf allen Ebenen das Maskulinum regiert? Solche Systeme gibt es immer noch: in Banken, Autokonzernen oder den weltumspannenden Kanzleien der Wirtschaftsanwälte (ganz zu schweigen vom Imperium katholische Kirche). Es sind die klassischen Businesspyramiden männlichen Elends, bestehend aus Konkurrenz und Karriere. Streben ohne Dank, ohne Anerkennung und – ganz schlimm – ohne Humor. Dort lacht keiner – außer über die Witze des Chefs und die Schlappe des Rivalen. Und kaum jemand hat Zeit für Freunde, für Kinder, für nachdenkliches Nichtstun und alles andere, was sich unter dem schönen Wort "Leben" subsumieren lässt.

In der 1. Klasse des ICE kann man die vielen traurigen Anzugträger beobachten, in der Businessclass der Fluggesellschaften und in Hotellobbys. Wie sie mit ihren Laptoptaschen hinter den männlichen Leittieren aus dem mittleren Management herhasten. "Es muss etwas geschehen!", rufen sie in ihre Handys. Doch für sie ändert sich nichts. In den Wüsten solcher Männerexistenzen können Chefinnen wie Regengüsse sein. Warum?

WEIL der Mensch verarmt, wenn er in seiner Arbeit nicht dem unterschiedlichen Charisma beider Geschlechter ausgesetzt ist. Die Turbofabriken der Männer sind dabei nicht besser als die Monokulturen reiner Frauenwirtschaft.

WEIL männliche Chefs zielgerichtet denken, während weibliche das Ganze im Blick haben. Der eine schreitet auf das Ziel los, während die andere fragt: Sind alle dabei? Wer sitzt auf dem falschen Posten? Wo ist ein Konflikt?

WEIL es wahrscheinlich einfacher ist, zu einer Frau zu gehen und zu sagen: Ich werde Vater. Ich brauche Elternzeit. (Dann wird einem womöglich sogar gratuliert!) Oder: Meine Partnerin ist krank, ich muss kürzertreten. Oder auch bloß: Ich bin unglücklich. Was soll ich tun?

Für einen Mann muss eine Chefin die reinste Erholung sein. Er kann die Maske ablegen, sich entspannen, er kann auch einmal Ungereimtes von sich geben, ohne Angst zu haben, gleich vor den Kollegen das Gesicht zu verlieren. Denn: Quatsch reden kann durchaus der Auftakt eines einzigartigen kreativen Prozesses sein und sollte daher nicht verurteilt werden.

Und noch etwas: Lachen und Wohlwollen im Büro sind definitiv Erfolgsrezepte. Stärken den Zusammenhalt, machen gute Laune, fördern gute Ideen und Freude an der Arbeit. Machen jedermann einsatzfreudiger, machen das Unternehmen erfolgreicher und letztlich auch die Angestellten wohlhabender und die Arbeitsplätze sicherer. Bierernst, Konkurrenz und Disziplin sind in verträglicher Dosierung notwendig, in Reinform und auf Dauer sind sie geschäftsschädigend. Und all das hat mit Frauen beziehungsweise deren Abwesenheit zu tun. Je weiter oben in der Hierarchie sie auftauchen, desto besser für das Große und Ganze. Ab einer bestimmten Größe sind Unternehmen heute von einzelnen Personen ohnehin nicht mehr regierbar. An die Stelle eines Chefs tritt dann das Team. Und dieses muss gemischt sein.

Natürlich sind es die sogenannten weichen, die sozialen Faktoren, die auch in diesem Text der prototypischen Chefin zugerechnet werden. Was soll daran falsch sein? Wir sehen doch immer wieder Chefs bedeutender Unternehmen an ihrer unterentwickelten emotionalen Intelligenz scheitern. Das hohle, epaulettenbehangene Verhalten mancher Spitzenkräfte findet wenig Anklang bei den Belegschaften von heute. Rücksichtslosigkeit und soziale Dummheit von Führungskräften mögen früher als Durchsetzungsvermögen gepriesen worden sein – in diesen Tagen bleiben sie nicht folgenlos und bringen ganze Unternehmen in Schieflage.

Ich habe einige (jüngere) Männer gefragt, was sie von Chefinnen halten. Einer sagte: "Wir haben Probleme mit älteren Männern, wir wollen uns von alten Säcken nichts mehr sagen lassen. Mit unseren Müttern hatten wir dagegen nie Probleme. Warum sollte es mit einer Chefin anders sein?" Und ein anderer meinte: "Chefinnen sind gut, weil sie es von ihren Kindern gewohnt sind, verschiedene Egoismen unter einen Hut zu bringen. Außerdem habe ich noch nie das Wort Chefinnenallüren gehört." Natürlich gibt es auch andere, die keine Meinung zu einer Chefin haben. Das wird sich ändern.

Bei alledem geht es weniger um tatsächliche Personen als um Prinzipien. Auch Männer können das weibliche Prinzip des aufmerksamen Integrierens verkörpern und Frauen das männliche des zielgerichteten Wettbewerbs. Arbeiten sie im Team zusammen, wechseln sie einander auch in der Repräsentanz der Prinzipien ab. Für alle Varianten gibt es Beispiele. Doch wer auch wofür stehen mag: Das ideale System ist Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern und Prinzipien. Und weil das immer noch nicht so ist, braucht es mehr Chefinnen. Erst wenn es genug von ihnen gibt, wird die Welt im Gleichgewicht sein.