Wer von Gewalt redet, redet von Männern. Weil sie es sind, die Kriege führen, foltern und sich prügeln, ist die Verallgemeinerung ausnahmsweise zulässig: Physische Gewalt ist ein männliches Phänomen. Und war immer ein Mittel der Problemlösung: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte der Ehrenmann seinen Gegner zum Duell herausfordern, wenn er sich beleidigt fühlte. Die Zeiten haben sich geändert. Aggressives Auftreten gilt nicht mehr länger als Indikator für Männlichkeit. Gewalt ist auf dem Rückmarsch. Das sagt der Harvard-Psychologe Steven Pinker. Er hat die monumentale Studie Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit vorgelegt, in der er zeigt, dass wir in der friedlichsten Gesellschaft aller Zeiten leben.

"Der Rückgang der Gewalt dürfte die bedeutsamste und am wenigsten gewürdigte Entwicklung in der Geschichte unserer Spezies sein", schreibt Pinker und untermauert seine Beobachtung mit einer einfachen Gleichung: Weil alle Menschen ein glückliches Leben führen wollen, Gewalt dem Glück jedoch im Weg steht, entwickeln sie dank ihrer Vernunft immer friedfertigere Formen des Zusammenlebens. "Der Rückgang der Gewalt dürfte zum Teil auf eine Erweiterung der Empathie zurückzuführen sein, vieles verdankt er aber auch Fähigkeiten wie Klugheit, Vernunft, Fairness, Selbstbeherrschung, Normen und Tabus."

Pinker outet sich damit als Optimist, als einer, der an den Fortschritt der Menschheit glaubt. Aber wieso nicht? Der gesellschaftliche Alltag bestätigt seine Befunde: Die gewaltsame Erziehung von Kindern ist geächtet, ebenso Gewalt gegenüber Frauen, die Zahl der Kriege geht zurück, und ein Mann muss einen anderen Mann nicht mehr zum Duell herausfordern, wenn er sich in seiner Ehre verletzt fühlt. Den Trend belegen auch die Zahlen, die Pinker nennt: So sinkt etwa die Mordquote in Europa seit dem 14. Jahrhundert kontinuierlich, und es sterben heute weltweit weniger als ein Prozent aller Menschen einen gewaltsamen Tod, während es noch im 20. Jahrhundert drei Prozent waren – ganz zu schweigen von den hohen zweistelligen Werten früherer Gesellschaften.

Gewalt gilt nicht mehr als Mittel der Problemlösung, sondern als Problem, das es zu lösen gilt. Damit sind wir bei der guten Nachricht für den Mann von heute: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind seine animalischen Fähigkeiten – Stärke, Aggression, Gewalt – zu vernachlässigen. Er darf sich nun uneingeschränkt jenen Eigenschaften widmen, die unsere Spezies einzigartig machen: Reflexion, Sprache und Vernunft. Dass wir diese Entwicklung nach Pinker auch der "Verweiblichung" unserer Gesellschaft zu verdanken haben, ist eine erwähnenswerte Randnotiz: "Da Gewalt im Wesentlichen ein Zeitvertreib der Männer ist, entfernen sich Kulturen, die den Frauen mehr Macht geben, in der Regel von der machohaften Verherrlichung der Gewalt."