Hätten sich die Futuristen des vergangenen Jahrhunderts unseren heutigen Alltag ausgemalt, es wäre wohl eine lächerliche Vision wie diese dabei herausgekommen: Ein Winterabend im 21. Jahrhundert, das kollektive Elektromobil, das der Mann der Zukunft zufällig am Straßenrand gefunden und durch einen bloßen Wink mit seinem Funkchip geöffnet hat, bringt ihn lautlos nach Hause. Das satellitengestützte Sensorsystem an seinem Handgelenk zeigt jetzt Geokoordinaten in Berlin-Prenzlauer Berg, dazu Außentemperatur, Luftdruck, Atomzeit. Die Wohnung registriert die sich nähernden Koordinaten und macht schon mal das Licht an, das selbstorganisierende drahtlose Soundsystem spielt zur Begrüßung leichte, elektronisch erzeugte Musik.

Später schaut der Mann der Zukunft Abendnachrichten. Sein Sohn klinkt sich per Video-Verbindung von unterwegs in die hochauflösende Wandprojektion ein und fragt, ob er sich ein neues Spiel auf seine Taschenkonsole laden darf. Während der Mann der Zukunft seiner digitalen Assistentin eine Notiz diktiert, mit den Kindern am Wochenende streng über ihren Medienkonsum sprechen zu wollen, wirft die halbautonome Zimmerdrohne seiner Tochter das Glas mit dem Feierabend-Wein um. Ach ja, und: Die Mauer ist weg, und der Mann der Zukunft hat ein Windenergie-Abo.

Diese Geschichte, Sie ahnen es, beschreibt nicht die naive Vision einer Wunderwelt, sondern den authentischen Alltag eines zeitgenössischen Mannes, umgeben von seiner Sammlung digitaler Körperfortsätze, vulgo: Gadgets. Ich bin dieser Mann, und ich bin glücklich.

Warum ist das so? Die Frau sagt, tief in mir stecke eben ein Nerd, sie liebe mich aber trotzdem. Meine Bibliothek von alexandrinischem Ausmaß umfasst unter anderem das Werk von Büchner, Brecht und Beckett, Popper, Nietzsche und Hegel, Murakami, Bolaño und Mann. Bin ich ein Nerd, nur weil diese Bibliothek nicht in handgezimmerten Eichenregalen ruht, sondern in der Cloud?

Zugegeben, es ist auch für mich befremdlich, dass sich in meinem sonst eher reduzierten Haushalt bei Zählung anlässlich dieses Beitrags 9 Kopfhörer fanden, 8 Tablets, 7 Mobiltelefone, 5 Laptops, 4 digitale Fotoapparate, 3 E-Book-Reader, 3 verschiedene Fitness-Tracker, 2 inkompatible funkgesteuerte Beleuchtungssysteme, 2 GPS-Uhren, 1 Drohne, 1 digitaler Stift mit eingebauter Infrarot-Kamera und 1 streichholzschachtelgroße, schockgesicherte, tauchfähige Videokamera mit Kino-Auflösung. Ich weiß genau, welche Tablet-Modelle man sorglos mehrfach in die Badewanne fallen lassen kann (und welche besser kein einziges Mal). In Hotels hacke ich manchmal das Hausnetz und etabliere dank eines mitgebrachten Taschenrouters mein privates, kostenloses WLAN.

Den von vielen beklagten Zwang, ständig online sein zu müssen, empfinde ich nicht. Ich bin ruhiger, wenn ich Netz in der Nähe weiß. Das sei, erklärte mir kürzlich eine Neuropsychologin, entweder ein Zeichen von Sucht oder von Transzendenz. Sucht schloss sie in meinem Fall gnädigerweise aus, zumal ich mich bereits eine Stunde mit ihr unterhalten und nicht ein einziges Mal mein Smartphone berührt hatte. Transzendenz ist mir als Erklärung auch lieber: Ich habe das beruhigende Gefühl, eingeloggt Teil von etwas Größerem zu sein.

Mein digitaler Lebensstil, behaupten hingegen ernst zu nehmende Soziologen, Psychologen, Bildungsforscher, FAZ-Herausgeber sowie meine Mutter, stresse nicht nur, er mache auch dumm. Ein Blogger des New Yorker stellte als Gegenthese kürzlich folgendes Gedankenexperiment an: Angenommen, ein hochgebildeter Zeitreisender aus dem Jahr 1914 landet in der Gegenwart. Man setzt ihn vor einen Vorhang, hinter dem sich eine zufällig ausgewählte Bürgerin des 21. Jahrhunderts befindet, der der Zeitreisende nun beliebige Fragen stellen kann, um ihre Intelligenz zu ergründen.