Es ist kurz nach zwölf, und ich stehe an einer staubigen Kreuzung. Die Sonne brennt. Neben mir lehnt ein junger Soldat an seinem Jeep und starrt auf einen Pass. Die Kontrolle hat vier Autos aufgestaut, deren Nummernschilder ich nicht erkennen kann, der Straßenrand ist schwarz-weiß markiert, aber das bringt mich nicht weiter. Dass ich nicht in Deutschland gelandet bin, ist mir bereits klar.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich zwei Wegweiser: links "Dead Sea", rechts "Jerusalem". Wahrscheinlich bin ich in Israel, vielleicht auch in Palästina. Das ist immerhin ein Anfang, denn ich habe eine Mission: Ich muss zum Flughafen. Während ich überlege, welche Richtung mehr Erfolg verspricht, taucht aus dem Nichts ein drittes Schild auf: "Sie arbeiten jetzt mit Reserve-Batteriestrom." Ohne meinen Blick abzuwenden, taste ich nach dem Kabel und schließe meinen Laptop ans Netz. Das dritte Schild verschwindet.

Genau genommen, stehe ich gar nicht auf einer staubigen Kreuzung im Nahen Osten, ich sehe sie nur an und sitze unterdessen mit einer Kanne Tee im vierten Stock eines Berliner Altbaus. Mein Küchenfenster zeigt das Grau eines Himmels, der seit Stunden mit Regen droht. Was mich in die Ferne führt, ist Mapcrunch, das Spiel eines namenlosen Computer-Nerds: Auf der Webseite wird man per Zufallsgenerator an irgendeinem Ort der Welt ausgesetzt und muss versuchen, den Weg zum nächsten Flughafen zu finden. Zur Orientierung dient allein ein Kompass. Mapcrunch nutzt das Bildmaterial von Google Street View. Seit 2007 fotografiert der Suchmaschinenriese die Welt und schickt seine Autos mit aufgeschraubten Kameras quer über den Globus. Die von Google abgefahrene Welt lässt sich so bequem von daheim aus bereisen.

Bevor ich mich auf den Weg nach Jerusalem mache, suche ich mir im Internet einen lokalen Radiosender, zur Einstimmung. Die ersten Schritte sind mühsam. Die Pfeiltasten meiner Tastatur schleppen mich mit der Gemächlichkeit eines lahmenden Esels über die Straße. Ein Klick mit der Maus bringt mich zwar deutlich schneller voran, dafür springt die Sicht mal hierhin, mal dorthin, als wäre ich nicht ganz bei Trost. Aber lieber einen Knick in der Optik als per Muli unterwegs, denke ich und klick-springe vorbei an den Soldaten in Richtung Jerusalem.

Schon nach wenigen Kurven bleibe ich hängen. So oft ich auch klicke, es geht nicht weiter. Ich stehe vor einer unsichtbaren Wand mitten in der Wüste. Der Reisebus vor mir fährt ungeniert weiter, nur ich stecke fest im Nirgendwo. Notgedrungen mache ich kehrt. Es gibt Schlimmeres. Bei meiner ersten Digital-Expedition strandete ich im Königreich Lesotho, auf dessen endlosen Landstraßen ich mir beinahe eine Sehnenscheidenentzündung geklickt hätte. Später irrte ich stundenlang durchs schwedische Hinterland, einer Bullerbü-friedlichen, aber äußerst langweiligen Weltregion. Wer sich auf Mapcrunch einlässt, muss das Spiel in einem Zug gewinnen: speichern unmöglich. Aber in Israel kann das nächste Flugfeld ja eigentlich nicht allzu weit entfernt sein.

Am Straßenrand verkauft jemand Tonkrüge. Im Radio singt Leonard Cohen I like where I’m living, und im Sand in der Ferne kniet ein Kamel mit einer roten Decke auf den Höckern. Am Ortsausgang überhole ich den Schwerlaster, der seit einigen Kilometern vor mir einen Betonklotz über die Straße schleppt. Im Grunde war es natürlich das Google-Auto, das vor einigen Jahren knipsend an diesem Laster vorbeigezogen ist, aber auf seine Aufnahmen bin ich angewiesen. Ob sich seine Fahrer in diesem Moment auch gefreut haben? Und wurden sie anschließend wie ich ernüchtert durch den freien Blick auf Geröll und Ödnis?

Während mich die staubige Landstraße zu zermürben beginnt, bringt sich vor meinem Küchenfenster eine Elster vor dem Nieselregen in Sicherheit. Hinter der Haltestelle auf meinem Bildschirm warnen gelbe Schilder vor Radfahrern und einem Tier, das aussieht wie ein Reh. Beide Spezies kann ich mir in dieser Geröllwüste nicht vorstellen. Auf der Tafel darunter steht, dass ich nur drei Kilometer vom Toten Meer entfernt bin. Dabei hat Google das Wort "Dead" unkenntlich gemacht. Vielleicht hat der Tod hier seine Persönlichkeitsrechte eingeklagt. Ich fahre weiter.

In einer Einbuchtung entdecke ich zwei maskierte Männer mit Macheten und biege ein. Die Bewaffneten hacken alte Zweige von einer Palme. Das will ich mir näher ansehen. Wenn ich schon nicht aussteigen kann, um Menschen anzusprechen, möchte ich wenigstens versuchen, aus den Bildern auf kleine Geschichten zu schließen. Als ich aber nähertrete, erfahre ich mein zweites Wunder im Heiligen Land. Kaum stehe ich vor der Palme, sind die Arbeiter verschwunden, und die grauen Wedel hängen wieder am Stamm. Trete ich zurück, haben die Arbeiter schon gehackt, und unter ihnen liegen die Zweige im Staub. Zwischen den beiden Schritten müssen mindestens einige Minuten liegen. Reise ich gerade gegen die Zeit?

Im Schatten der Palme mache ich mir klar, dass es die Welt, die ich durchquere, schon seit Jahren nicht mehr gibt. Die Bilder sind Snapshot einer vergangenen Wirklichkeit, konserviert von zwei Außendienst-Mitarbeitern eines Suchmaschinen-Konzerns. Haben sie sich unterwegs gestritten, sich am Straßenrand geprügelt und so das Zeitloch an der Palme erschaffen? Oder nur Rast gemacht und am Imbiss nebenan ein Schawarma gegessen?

Von einer Anhöhe vor En Gedit blinzelt das Tote Meer durch den Stacheldraht, an dem ein großes Schild davor warnt, die Straße in Richtung Osten zu verlassen oder bei Dunkelheit an den Strand zu gehen. Wieder eine Warntafel, diesmal folgt ein Militärposten mit "Inspection". Ich hoffe, dass meine Fahrer keinen Ärger bekommen. Ich weiß nicht, ob ich eine weitere Niederlage verkraften könnte nach Lesotho, Schweden und der unsichtbaren Wand von Jerusalem.

Hinter dem Standstreifen parkt ein alter VW-Bus unter einer Plane; dahinter liegt der azurblaue Salzsee. Es könnte ein kleines Hippie-Idyll sein, wären da nicht die Soldaten mit ihren Maschinengewehren und die Camouflage-Netze und die Nationalflaggen und der Wachturm mit dem Scharfschützen. Beunruhigt nähere ich mich einer Soldatin. Ob die Google-Leute eine Genehmigung zum Fotografieren hatten? Wenn man abends nicht mal ans Wasser darf, warum sollte dann ein Auto mit Kameras auf dem Dach einfach so passieren dürfen? Sprachen die beiden überhaupt Hebräisch? Ich klicke vorsichtig vorwärts und fahre an der Soldatin vorbei. Kein Ruckeln, kein Stocken, wir haben den Schlagbaum passiert. Weiß der Himmel, wie die beiden das gemacht haben.

Als ich auf der Küstenstrecke meinen Blick für einige Kilometer zur Entspannung aufs Wasser richte und Google das Steuer überlasse, erkenne ich zwei dunkle Punkte am Himmel. Flugzeuge. Richtig, der Flughafen, ich habe ja eine Mission! Für ein paar Minuten sind die Propellermaschinen gleichauf, dann fliegen sie davon. Wenige Kilometer weiter taucht ein Schild auf, das Piktogramm zeigt ein Flugzeug. Mitten in der Wüste. "Bar Yehuda" steht darunter. Daneben döst ein Kamel mit zusammengekniffenen Augen, als erwarte es einen Sandsturm, den ich nicht erleben werde.

Dann endlich, nach fünf Stunden im Nahen Osten, blitzen zwischen zwei Hügeln hinter einer Leitplanke Tragflächen auf. Gewonnen! Ich schieße ein Bildschirmfoto zum Beweis. Über den Flughafen kann ich sie verlassen, diese wundersame Zwischenwelt mit ihren unsichtbaren Wänden und Zeitlöchern und den Fahrern, die sich nie an unsere gemeinsame Reise erinnern werden.