Bereits 1995 veröffentlichte der Hamburger Philologe und Publizist Jan Philipp Reemtsma das Buch Mehr als ein Champion – Über den Stil von Muhammad Ali. Vor Kurzem erschien eine überarbeitete Neuauflage, und wenn man die liest, im Frühjahr 2014, dann möchte man jeden Satz unterstreichen, weil in jedem so viel Wahrheit drinsteckt.

Ein Kapitel des Buches hat die Überschrift Niederlagen, und darin schreibt Reemtsma: "Man wächst nicht an Niederlagen. Man geht an Niederlagen zugrunde, und wo man nicht zugrunde geht, wird man deformiert; oder ›ändert sich‹." Und Ali hat sich geändert, er blieb beim Boxen nie "seinem Stil" treu, wie viele bis heute meinen – es gab drei verschiedene Stile. Und es ist ein Genuss, bei Reemtsma nachzulesen, wie sich Ali entwickelt hat. Es ist auch diese Lernfähigkeit, diese Notwendigkeit, die Ali zum ersten "neuen Mann" macht.

Warum er es sonst noch ist? Weil er ein Mann war, der sich in den sechziger Jahren "schön" nannte; weil er sich weigerte, für sein Land in den Krieg zu ziehen; weil er ein Großmaul war (er sagte voraus, wann er seine Gegner k. o. schlagen würde) – und weil er einer war, der, wie Reemtsma schreibt, "in kein Schema passte". Und: "Er machte alles anders."

Vor allem aber veränderte er das Boxen und die Art, wie die Menschen das Boxen sahen: "Und dieser Held (...) der Gewalt und der Held im Kampf gegen die Gewalt, der der brutalen Evidenz von Stärke und Vernichtungswillen Eleganz, Intelligenz und Virtuosität entgegensetzte, wurde dann etwas wie eine Ikone des Friedens, der Völkerverständigung, als er, gezeichnet von den Symptomen des Parkinson (der Folgen der Treffer, die er hatte hinnehmen müssen?), die olympische Flamme entzündete." 1996 war das, und es gibt Männer, die geweint haben, als sie das sahen. Weil selbst in der Demonstration absoluter Schwäche eine unglaubliche Stärke lag.