Der Kandidat steht vor einem Meer von Menschen. 29 Sonderzüge, 6.000 Busse und 15.000 Autos hat Narendra Modis Partei gemietet, um ihre Anhänger herzubringen. Hunderttausende sind an diesem Märzsonntag nach Lucknow gekommen, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Uttar Pradesh mit seinen über 200 Millionen Einwohnern; Modi-T-Shirts und Modi-Hütchen werden kostenlos in der Menge verteilt; in der ganzen Stadt sind Transparente und Plakate aufgestellt – Lucknow ist wie angestrichen in Orange, der Farbe der hindunationalistischen Indischen Volkspartei (BJP), die Modi zum Premierminister machen will. Und das ist nur die eine Hälfte, die klassische, handgemachte Seite des Auftritts und des ganzen Wahlkampfs. Man kann die Rede auch per Livestream im Internet anschauen oder portionsweise auf YouTube oder sich die Kernsätze laufend zutwittern lassen – und wer keinen Computer, aber ein Handy hat, für den gibt es eine Telefonnummer, um zu einem billigen Tarif mitzuhören. "Wir führen die Kampagne vormodern, modern und postmodern zugleich", sagt ein Modi-Berater – für alle kulturellen Zeitzonen der indischen Gesellschaft, vom Social-Media-Publikum in den Metropolen bis zu den Analphabeten auf dem Land. Einen solchen Breitbandwahlkampf hat es noch nie gegeben, hier nicht und wahrscheinlich nirgendwo.

Das Menschenmeer vor ihm gibt Modi seine Sprachbilder ein, Fantasien von politischer Naturgewalt. Er redet vom Ozean des Enthusiasmus, davon, dass ein Tornado in der Luft liegt und bis zur Wahl zum Tsunami werden wird, der die anderen Parteien zerschmettert. Dann wird er praktisch: "Ich frage euch: Habt ihr Strom? In euren Dörfern? Auf euren Bauernhöfen? In euren Städten? In euren Wohnungen?" In Gujarat, dem Bundesstaat, den er als Ministerpräsident regiert, gebe es Strom in jedem Dorf, 24 Stunden lang an 365 Tagen. Dort habe es, sagt er, in zehn Jahren keinen einzigen Fall von Gewalt zwischen Muslimen und Hindus gegeben – und hier, in Uttar Pradesh, in einem Jahr mehr als 150. Das ist die Botschaft von Narendra Modis Wahlkampf: Während das Land unter der regierenden Kongresspartei und ihren politischen Verbündeten stillsteht und verkommt, habe ich in Gujarat einen Musterstaat gebaut. Wenn ihr wollt, dass ganz Indien so wird, dann stimmt für mich.

Modi ist ein faszinierender Rhetor, irgendwo zwischen Demagoge, Schlangenbeschwörer und Entertainer. Er kann seine Stimme am Ende des Satzes in ein dunkles Grollen wegsacken lassen, er kann sie höhnisch sanft machen, wenn er seine Gegner nachahmt und verspottet – wie den Minister von der politischen Konkurrenz, dem eine Viehherde weggelaufen war, worauf es für die Polizei des von Kriminalität schwer geplagten Landstrichs nichts Wichtigeres mehr zu tun gab, als sie wieder einzufangen. Wenn Barack Obama der Literat unter den Rednern der Gegenwart ist, ein Essayist, der seine ausgefeilten Texte vom Teleprompter abliest, dann ist Modi der Schauspieler, gestenreich und mit präzisem Sinn für die Symbolik des Kostüms – die "Modi-Kurta", ein langes Hemd mit kurzen Ärmeln, das er selbst entworfen hat, ist sein Markenzeichen. Ein Dienstanzug der Entschlossenheit und Tatkraft, die Uniform für ein muskulöses, "männliches" Indien, das den Lendenschurz des sanften Gandhi-Pazifismus endgültig abgelegt hat. Das endlich stark wird, wirtschaftlich, aber auch gegen den islamistischen Terror, den Erzfeind Pakistan, den bedrohlichen Nachbarn China. Modi, der Macho-Politiker, der mit einem Brustkorbumfang von 56 Zoll für sich Reklame macht, verspricht eine nationale Auferstehung.

Das Wahljahr 2014 ist in Indien der richtige Augenblick für einen, der sich als Retter anbietet. Nach Jahren des Booms, in denen die indische Elite sich auf Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos feiern ließ und ihr Land schon mit China, wenn nicht mit den USA auf Augenhöhe sah, sind die Wachstumsraten abgerutscht, Inflation und Staatsverschuldung gefährlich angestiegen. Indien ist aus einer imaginären Supermachtzukunft in die Realität der Dritten Welt zurückgefallen – umso dramatischer, als es nun nicht nur die alte Last von Armut und Unterentwicklung tragen muss, sondern auch die neue, explosive Hypothek der eben gerade geweckten und schon enttäuschten Erwartungen. Es ist ein Land, das um seine zweite Chance kämpft – und nach dem Politiker sucht, der sie ihm verschafft.

Modi hat in Gujarat Straßen und Häfen gebaut und Industrie angesiedelt wie nirgends sonst im Land; seine Verwaltung gilt als professionell und ziemlich sauber. Für die Unternehmer und für viele in der Mittelschicht, bis hin zu Uni-Absolventen auf Jobsuche, ist er der Inbegriff von Moderne. Sie hoffen, dass mit ihm nach der halbwegs erledigten Liberalisierung der Wirtschaft der zweite, entscheidende Schritt der Reformpolitik in Indien kommt: endlich ein funktionierender, zeitgemäßer, businessfreundlicher Staat. Aber Modi hat auch für die kleinen Leute mehr zu bieten als nur Strom rund um die Uhr: seine Geschichte, die eine Aufsteigergeschichte ist, der Lebenslauf eines Jungen aus einer benachteiligten Kaste, der sein erstes Geld als Teeverkäufer auf einem Bahnhof in der Provinz verdient hat und heute nach dem wichtigsten Amt der Nation greift. Es ist die exakte Gegenbiografie zu Rahul Gandhi, dem Spitzenkandidaten der Kongresspartei, der aus einer privilegierten Politikerfamilie stammt und den Modi hartnäckig höhnisch als "Prinzen" tituliert. Der Selfmademan gegen den Dynasten.

Nur ist da noch etwas in Modis Geschichte, etwas Unheimliches, ein Makel, wie er keinem anderen demokratischen Spitzenpolitiker der Welt anhaftet. Vom Balkon von Shakeel Ahmeds Büro kann man sehen, warum Modi den einen Hoffnung, den anderen aber Angst macht. Ahmed ist ein führender islamischer Funktionär in Ahmedabad, der größten Stadt in Modis Bundesstaat Gujarat, Chef zweier Organisationen, die Sozial- und Bildungsarbeit unter Muslimen machen. Er zeigt auf die Häuser, die sich unten ausbreiten, bis zum Horizont: Das ist der Stadtteil Juhapura. Ahmed zeigt dann auf die Straße, die rechts an den Häusern entlangführt. Das ist die Grenze des Viertels, gerade und scharf gezogen. Rechts davon, jenseits der Straße, wohnen Hindus. Links, in Juhapura, wohnen Muslime, 400.000, ein muslimisches Ghetto.