Es ist unglaublich heiß und eng, es wird gedrängelt, geschubst, irgendwo kracht etwas. Die Fotografen rammen sich gegenseitig die Ellbogen in die Seiten. "Nicolas, Nicolas, noch ein Foto!" – "Nicolas hier, Nicolas, Nicolas!" – "Ein Lächeln bitte, ja, genau, danke!" Die Ikonen der Branche wie die rothaarige Grace Coddington, Modechefin der amerikanischen Vogue, geben sich alle Mühe, auf den Beinen zu bleiben und vor allem etwas näher heranzukommen. Plötzlich wird Azzedine Alaïa aus der Menge hervorgestoßen, dieser kleine Mann, der in den Kreisen der Couture wie ein Heiliger verehrt wird. "Azzedine, Azzedine, ein Foto mit Nicolas!", brüllen die Fotografen. "Achtung, ich schicke jetzte Adèle!", schreit eine Stimme. Die Schauspielerin Adèle Exarchopoulos mit geglätteten Haaren, angemaltem Mund, eleganten Schuhen, zurechtgemacht für das Foto, flüstert Gratulationen. "Glückwunsch zum César", sagt "Nicolas" mit sanfter, entschlossener Stimme. Den hat die 20-Jährige gerade für Blau ist eine warme Farbe erhalten.

Es ist fast 11 Uhr an diesem 5. März, und Nicolas Ghesquière wird in diesem Gewühl zum König der Mode gekrönt. Gefasst und sehr höflich nimmt er die Huldigungen entgegen. Er ist 42 Jahre alt, ein gut aussehender, schlaksiger Typ, und hat gerade seine erste Prêt-à-porter-Kollektion für Louis Vuitton präsentiert. Also für die wichtigste Luxusmarke der Welt, das größte Schiff in der Flotte des Weltmarktführers LVMH. Darüber gibt es nichts mehr. Bernard Arnault, der Eigentümer, hat seine hochgewachsene Gestalt schon neben Ghesquière platziert, ebenso seine Tochter, die blonde Delphine, 39 Jahre alt, Executive Vice President von Vuitton. Ihr folgen die Blicke. Es ist auch ihr Tag. Sie hat es Ghesquière ermöglicht, zu Vuitton zu kommen. Es spricht niemand aus (in diesem Milieu wird viel gelästert, jedes offizielle Wort ist Brei aus dem Mixer der PR) – aber heute hat Delphine Arnault ihren Status als Erbin hinter sich gelassen, heute ist sie quasi volljährig geworden. Jemand, mit dem man rechnen sollte. Mit Ghesquière hat sie einen weiteren Star in ihrem Haus: Raf Simons ist bei Christian Dior, Riccardo Tisci bei Givenchy, Phoebe Philo bei Céline – überall hat eine neue Generation den Thron bestiegen: diskret sind sie, konzentriert, engagiert. Und der LVMH-Konzern erneuert ganz nebenbei von Grund auf sein Image: In dem Konzern, der als Inbegriff des Corporate galt, als böser Wolf, der das arme Rotkäppchen namens Hermès fressen will, sind heute die größten Talente zu Hause. Über all das kann man sicher diskutieren, aber an diesem Tag verlassen die 1.200 geladenen Gäste die riesige, im Innenhof des Louvre errichtete Glaskonstruktion wohl mit einem Gedanken: Es hat sich etwas geändert.

Manche halten ihn für schwierig, andere für besessen

Denn der Coup ist mehr als gelungen: Das größte Luxusmodehaus wurde in die Hände desjenigen gegeben, den die legendäre Modekritikerin Suzy Menkes als "den Besten seiner Generation" bezeichnet – und nicht nur sie. Dieser Konsens besteht, seit er in den 2000er Jahren bei Balenciaga seine Vorstellungen verwirklicht hat, in einem Haus also, das eine ebenso ruhmreiche Vergangenheit hat wie Chanel und Saint Laurent und dem Ghesquière neuen Glanz verliehen hat. Er hat aus dem Modehaus eine Ideenwerkstatt gemacht; auf den Laufstegen waren seine futuristischen Entwürfe für die selbstbewusste Frau zu sehen, die nicht auf die Bewunderung eines Mannes aus ist, die nicht anschmiegsam ist, sondern sich selbst genug in ihrer stolzen Robe; in den Läden dagegen hingen Designs, die zwar anspruchsvoll, aber wesentlich klassischer waren. Vor allem ist Ghesquière gelungen, was in der Luxusmode am wichtigsten ist: Er hat eine Tasche entworfen, die ein Bestseller wurde, die sogenannte Lariat. Seither wurde er – einer ungeschriebenen Regel der Branche folgend – nur noch beim Vornamen genannt. Man sagte also Nicolas, wie man auch Karl sagte, das war kurz bevor man Hedi und lange bevor man Phoebe sagte. "Seine schlechtesten Entwürfe sind besser als das meiste, was aus seiner Generation kommt, und seine guten Entwürfe bringen einen zum Nachdenken", schrieb Cathy Horyn, eine weitere Großkritikerin.

Nun ist es nicht so, dass die Kollektion, die am 5. März präsentiert wurde, die schönste ist, die man jemals gesehen hätte, aber sie ist extrem intelligent. Jedes Detail scheint durchdacht zu sein und soll besagen: Ein neues Kapitel beginnt. Auf den Sitzen der Gäste hatte Ghesquière ein Briefchen hinterlassen, in dem er seinem Vorgänger Marc Jacobs Respekt zollt, der 1997 die Prêt-à-porter-Linie des Taschenherstellers Louis Vuitton ins Leben rief. Er hat das Haus im Oktober 2013 verlassen, um sich der Firma zu widmen, die seinen Namen trägt, ebenfalls in Besitz von LVMH, und sie auf den Börsengang vorzubereiten. In dem Glasbau im Carré du Louvre, wo Louis Vuitton schon seit einiger Zeit seine Kollektionen präsentiert, öffnen sich zu Beginn der Show die Jalousien und lassen das Tageslicht herein. Die Models betreten den Laufsteg, die Haare offen, die Gesichter nahezu ungeschminkt. Sehr natürlich sehen sie aus. Pro Look ein Mädchen, insgesamt 48, wobei man eher von Frauen als von Mädchen sprechen sollte. Unter ihnen sind keine Topmodels, die dem großen Publikum bekannt wären, dafür Models, die man in letzter Zeit kaum noch gesehen hat, die aber den Kennern ein nostalgisches Lächeln auf die Lippen zaubern: Maggie Rizer mit ihrer Porzellanhaut und die Äthiopierin Liya Kebede, beide 36.

Naheliegender Gedanke: Es soll jetzt Schluss sein mit dem großen Spektakel, wie Marc Jacobs es gern veranstaltete, der ein Palasthotel und riesige Rolltreppen nachbildete. Es wird aber auch nicht Tabula rasa gemacht, eine Gewohnheit, die die Designer sich in den letzten Jahren zu eigen gemacht haben. Hedi Slimane hat bei Yves Saint Laurent das Atelier von Paris nach Los Angeles verlegen lassen und das Haus in Saint Laurent Paris umbenannt. Phoebe Philo hat bei Céline das Logo umgestaltet, wohnt in London und hat in allen Läden ausmisten lassen, bevor sie dort ihre Kreationen anbot. Diese Strategien haben Erfolg, sind aber untauglich für ein Haus dieser Größenordnung und mit dieser Vergangenheit.