Ausgangspunkt war das Treuhandkontosystem, Alipay, das zum Erfolg des Onlinehandels beigetragen hatte. Nun wurden diese Konten weiterentwickelt, und eine eigene Konzernsparte, AliFinance, wurde aufgebaut. Viele Chinesen zahlen darüber Strom, Gas und Wasser. Auch Kredite vergibt AliFinance, denn die umfassenden Daten über das Konsumverhalten eines Nutzers lassen eine verlässliche Prüfung zu, wie kreditwürdig jemand ist. Dann hat Alibaba auch noch eine digitale Kreditkarte entwickelt, und als vorerst letzte Finanzdienstleistung will der Konzern so etwas wie eine elektronische Geldbörse fürs Handy durchsetzen. Deshalb wird gerade aggressiv eine Handy-Software beworben, mit der man Taxis rufen kann. Alibaba subventioniert Fahrer und Fahrgäste großzügig, in der Hoffnung, dass alle auf das System einsteigen. "Es geht dabei gar nicht wirklich um die Taxiruf-App", sagt Lu Gang. "Es geht darum, die Menschen an mobiles Bezahlen zu gewöhnen." Aus dem gleichen Grund hat es Alibaba zum chinesischen Neujahr ermöglicht, das traditionelle Neujahrsgeschenk, mit Bargeld gefüllte rote Kuverts, mobil oder online zu verschicken.

So eine Entwicklung birgt in einem von einem autoritären Regime regierten Land durchaus Risiken, und die bekommt Alibaba zu spüren.

Kürzlich erst hat die Zentralbank einige Finanzgeschäfte untersagt. Virtuelle Kreditkarten seien nicht sicher genug, hieß es, doch Alibaba-Mitarbeiter sagen hinter vorgehaltener Hand, die Zentralbank wolle damit vor allem die staatlichen Banken vor der neuen Konkurrenz schützen. "Wir gehen aber alle davon aus, dass die Zentralbank das nicht für immer stoppen wird", sagt Zhang Zhouping, Analyst beim China E Business Research Center.

Das zweite große Risiko liegt darin, dass Alibaba mehr als irgendein anderes Unternehmen über die Konsumgewohnheiten und Kreditwürdigkeit der chinesischen Mittelklasse weiß – und über Millionen chinesische Händler. So eine Stellung darf in China nur behalten, wer durch besondere Treue zur Staatsführung auffällt. Ma weiß das. Anfangs habe er befürchtet, die Regierung würde sich "Sorgen machen", sagte er der Financial Times. "Doch wir konzentrieren uns auf das Geschäft."

Mas Chance, sich zu beweisen, ergab sich, als der amerikanische Konzern Yahoo im Jahr 2005 sein Internetgeschäft in China aufgab. Die Behörden hatten die US-Firma dazu gedrängt, private E-Mail-Informationen an die Regierung weiterzugeben, was zwei chinesische Journalisten und Demokratie-Aktivisten ins Gefängnis brachte. Im Westen war das ein großer Skandal, und Yahoo tauschte kurz danach sein Chinageschäft gegen eine Beteiligung an Alibaba ein. Unterdessen gelobte Ma, der oft schwärmt, das Netz mache sein Land zu einem freieren Ort, er werde jederzeit mit den chinesischen Behörden zusammenarbeiten: "Wir schaffen Werte für unsere Anteilseigner, und unsere Anteilseigner wollen nicht, dass wir uns der Regierung widersetzen und bankrottgehen."

Zu den Plänen, was Alibaba mit den Milliarden anfangen wird, die ein Börsengang bringt, wollte das Unternehmen auch nach mehrfacher Anfrage keine Stellung beziehen. Ma Yun aber hat sein langfristiges Ziel schon vor ein paar Jahren abgesteckt: "Wenn Alibaba nicht so wichtig wird wie Microsoft oder Wal-Mart, werde ich das den Rest meines Lebens bedauern."