Die Deutschen haben alles, aber keinen Seelenklang. Das spürte ich oft – zuletzt vergangenen Samstag. Die ARD präsentierte Das Frühlingsfest der Volksmusik mit Florian Silbereisen, aus Magdeburg. Dümmer ging’s nimmer.

Doch statt schreiend fortzuzappen, suhlte ich Aug’ und Ohr in Tümlichkeit, getreu dem anhaltinischen Lebensmotto: Ich schlag dich, bisde lachst!

Meine akustische Kindheit füllten Bach-Passionen und Händel-Oratorien sowie Schöpfungen von Haydn, dargeboten vom Plattenspieler Soletta. Vater erwarb das landwirtschaftlich robuste Gerät 1965 beim dörflichen Eisenwarenhändler Eberhard Bröse, der dazu sogar eine Test-Single spendierte: Siebzehn Jahr, blondes Haar von Udo Jürgens.

Diesen Ohrenschmaus genossen meine klassischen Eltern einmal und nicht wieder. 1968 las ich in der Kinderzeitschrift Frösi vom griechischen Komponisten Mikis Theodorakis, der im Kerker der Athener Militärjunta schmachtete. Beigelegt war eine Schallfolie mit vier Theodorakis-Liedern, gesungen von Maria Farantouri. Ich hörte sie dutzendfach.

Ich verfiel der Schmerzensstimme, der Bouzouki, dem mediterranen Moll. Udo Jürgens drehte sich unhörbar immer mit: als stabile Unterlage der Folie.

Vom süßen Griechengift kam ich nie wieder los. Nach der Wende erlebte ich Maria Farantouri endlich live. Und Melina Kana. Und Sokratis Malamas, auf Kreta, nachts unterm Mond. Im Februar 2014 kam Malamas tatsächlich nach Berlin, im März sein kretischer Liedesbruder Giannis Haroulis.

DAS waren Feste der Volksmusik: dreieinhalb Stunden Hellas in Germania, Griechen und nur Griechen, inbrünstiger Saalgesang, Tanz, Pathos, Flug und Sturz des Ikaros und Nikotinausbrüche à la Goethe: "Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst ..." Efcharisto! Ich werde Grieche.