Lebenslang ein Einzelkämpfer, ein einsamer Rufer, ein Fährtensucher und Spurenfinder, ein Rebell wider das Konventionelle, ein schöpferisches Wesen, das wie jeder, in dessen Kern ein Künstler steckt, "überempfindlich, dickschädelig und mitteilsam" ist. Da stehe er nun in der Nachfolge der alttestamentarischen Propheten, sagt Peter Kubelka, und könne nicht anders. Er wolle auch "bekehren und anderen die Augen öffnen", gesteht der Autodidakt, doch eigentlich ist ihm um ein großes Erkennen zu tun, um ein Erklärungsmodell, wie in der Wahrnehmung der Welt alles mit allem zusammenhängt: "Ich taste meinen Pfad zurück in die Weidezeit, um den Weg aufzuspüren, den das Menschentier bis heute genommen hat."

Am ehesten kann der Ausnahmedenker Peter Kubelka, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert, Vortragskünstler genannt werden. Wenn er, wie am nächsten Mittwoch im Wiener Filmmuseum, das er vor 50 Jahren gemeinsam mit Peter Konlechner, damals ein filmbesessener Technikstudent, ins Leben gerufen hat, wieder zu einer seiner Lectures lädt, so nimmt er sein Auditorium mit auf eine Gedankenreise quer durch die Epochen und Ausdrucksformen menschlichen Strebens. Vom Film fliegt da etwa die Assoziation zum Kochen, weiter zu den Schneidewerkzeugen der Steinzeitmenschen und zurück zu einer Fuge von Bach, die er auf der Blockflöte anklingen lässt. Seine Vorträge gleichen Expeditionen durch ein gedankliches Labyrinth. Nur wer dem roten Faden, den Kubelka ausgelegt hat, bis ans Ende folgt, landet beim meist verblüffend einfachen Kern seiner Aussage. Er vertritt eine rare Form vergleichender Kulturbetrachtung. Als erklärter Feind aller Experten und Spezialisten bezieht er seine Theorien aus einem Generalwissen, einem interdisziplinären Koordinatensystem von Analogien, das seinem Selbstverständnis als Universalkünstler entspricht. Was er einmal als richtig erkannt hat, formuliert er rigoros zur logischen Konsequenz. Er tastet sich mit Vergleichen und Bildern an den Wesenskern seiner Ideen heran. "Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" nannte Heinrich von Kleist in seinen Kleinen Schriften diese Methode. Für Kubelka ein Vademekum seiner Geistesarbeit.

Sie führt ihn fast immer zu Außenseiterpositionen. "Ich habe immer meine eigenen Ideen verfolgt, gleichgültig was draußen los war", sagt Kubelka. Schon die Gründung des Filmmuseums, einer im deutschen Sprachraum einzigartigen Institution, in der Generationen die Filmgeschichte studiert haben, war solch eine Außenseitertat. Wien 1964, das war abseits von Burg und Oper kulturelles Ödland, besonders was moderne Medien betraf. Film als Kunstform zu begreifen, das lag so fern wie jegliches Verständnis für die Avantgarde, die nur in kleinen, verschworenen Zirkeln vegetieren konnte. Kubelka und sein Partner wurden von den Ministerialräten aus den Büros hinausgelacht. Sie starteten ohne jede öffentliche Unterstützung. "Aber wir planten, als wären wir Beauftragte des Staates mit einem Millionenbudget", erinnert sich der Gründer. Jahrzehntelang balancierte die Akademie des Sehens am finanziellen Abgrund. Noch immer muss die international renommierte Cinemathek mit einer Subvention auskommen, für die sich am Burgtheater kein Premierenvorhang heben würde.

Zum Zeitpunkt der ersten Filmmuseums-Retrospektive (über das Werk von Sergej Eisenstein, den Kubelka eigentlich nicht sonderlich schätzt) hatte der eigenwillige Künstler bereits ein entbehrungsreiches Jahrzehnt hinter sich, in dem er sich zeitweise mit Klosterausspeisungen über Wasser hielt und quer durch Europa stoppte, um seine eigenen Avantgardefilme zu zeigen und die großen Werke der Filmkunst zu erleben. Er hatte in Wien und in Rom Filmschulen besucht, jedes Mal in Opposition zu diesen "Brutinstituten der Industrie". Gleich am Anfang beim Besuch der Dreharbeiten zum Beethoven-Film Eroica im Wiener Rosenhügelstudio reagierte Kubelka "zutiefst erschüttert und angewidert" auf "diese Pappendeckelwelt". Er wusste, was er nicht wollte. Schon sein Erstling Mosaik im Vertrauen fiel krachend an der römischen Filmschule durch, auf der Biennale in Venedig erregt die 16 Minuten lange Collage jedoch das Interesse der internationalen Filmavantgarde. Rasch wurde Kubelka Teil eines internationalen Zirkels, der Film als eigenständige Kunstform abseits der Kinoindustrie begriff. Kubelka entwickelte seine Theorie, derzufolge es Aufgabe des Mediums sei, das Phänomen Zeit visuell zu gestalten. "Das Urereignis der Filmartikulation ist die Abfolge von einem Bild zum nächsten, dazwischen assoziiert man Bewegung, die man allerdings nie sieht." Basierend auf diesem Prinzip verfertigte er in Handarbeit ein konzentriertes Œuvre (Gesamtdauer: 38,5 Minuten) nicht narrativer rhythmischer Bild- und Tonmontagen (Kubelka: "Man kann meine Filme nicht erzählen"). In letzter Konsequenz entstand 1960 ein Film, Arnulf Rainer, der nur mehr aus dem streng nach einer Partitur montierten Wechsel schwarzer und weißer Bildkader und einer Komposition von Stille und Rauschen besteht – das radikale Werk soll das Filmerlebnis in seiner pursten Form vermitteln.